Rund um den Jahreswechsel nehmen sich standardmäßig viele Menschen vor, etwas in ihrem Leben zu verändern. Die neuen Veränderungen in den Alltag zu integrieren ist gar nicht so einfach, weil am Weg dorthin einige Hürden lauern.
Auf YouTube stellte ich bereits den Unterlassungseffekt (Omission Bias) vor. Das ist ein Denkfehler, bei dem Nichthandeln weniger bedeutsam erscheint als aktives Tun. Was wir nicht aktiv umsetzen, fühlt sich nicht wie eine Entscheidung an, obwohl es ebenfalls eine ist. Diese kognitive Verzerrung macht unser Gehirn beim Denken automatisch. Sie trägt wesentlich dazu bei, dass wir neue Vorhaben gar nicht erst in Angriff nehmen. Alles, das sich nicht wie aktives Tun anfühlt (z. B. Beenden, Aufhören oder Weglassen) wird innerlich geringer bewertet, obwohl es ebenso eine Entscheidung ist.
In diesem Blogbeitrag geht es um eine weitere Hürde, die jedoch entscheidend dazu beiträgt, wieso im Laufe des Jänners viele Menschen ihre Neujahrsvorsätze rasch wieder aufgegeben. Denn kaum jemand denkt beim Festlegen der Ziele fürs neue Jahr darüber nach, was zur Erreichung der neuen Ziele wegfallen soll.
Unsere Aufmerksamkeit richtet sich fast ausschließlich auf das Neue, also auf das, was dazukommen soll. Dass unser Alltag, unsere Zeit und unsere Energie jedoch nicht unbegrenzt sind, blenden wir dabei unbewusst aus.
Wir starten motiviert mit der Umsetzung der neuen Ziele, doch kaum ist der Alltag wieder da, bleiben die neuen Ziele schleichend auf der Strecke. Wir bemerken es zwar, zweifeln an uns und denken, wir sind nicht diszipliniert genug oder müssen uns besser organisieren. In Wirklichkeit liegt es an einem blinden Fleck, den wir systematisch übersehen haben. Dieser hat nichts mit mangelnder Disziplin oder Organisation zu tun. Sondern wir haben uns nie bewusst vom Alten verabschiedet, das der Umsetzung im Weg steht.
Ein alltägliches Erlebnis
Damit das nicht zu theoretisch bleibt, möchte ich Dir ein praktisches Beispiel bringen. Sobald wir Essen einkaufen, fällt Abfall an. Das können Lebensmittelabfälle oder Verpackungen sein. Für jede Person, die einen Haushalt führt, ist das nichts Ungewöhnliches. Haushaltsmüll entsteht automatisch, ohne dass wir darüber nachdenken müssen.
Niemand empfindet es als persönliches Versagen, dass beim Zubereiten eines Gemüsegerichts Schalen, Stängel oder Kerne entfernt werden müssen. Auch beim Verkochen des Gemüses aus dem eigenen Garten, bei der Zubereitung eines Fertiggerichts oder selbst in einem Hotel mit Vollpension entsteht in den Zimmern Abfall.
Nun stelle Dir vor, dieser Müll wird nicht entsorgt und bleibt liegen. Woche für Woche wird es immer mehr. Nach einiger Zeit wäre dieser Raum kaum noch benutzbar, weil wir nichts hinausbringen.
Niemand würde in so einer Situation darüber nachdenken, wie man den Unrat sortieren und besser organisieren könnte. Auch die Vorstellung, diesen Abfall hübscher zu gestalten oder dafür zu sorgen, dass dieser angenehmer duftet, wäre vollkommen absurd. Die Lösung ist offensichtlich, denn der Abfall muss rasch weg.
Genau das passiert selten
Interessanterweise denkt über den Alltag kaum jemand so. Wir sammeln ebenfalls Aufgaben, Verpflichtungen, Gewohnheiten, Projekte oder Erwartungen. Schalen und Stängel hatten fürs Gemüse eine bestimmte Funktion und werden vor dem Kochen oder Verspeisen entfernt. Ähnlich ist es mit den alten Aufgaben. Sie waren zu einem bestimmten Zeitpunkt sinnvoll, haben damals einwandfrei funktioniert und sind Teil des Alltags geblieben, ohne später bewusst überprüft zu werden.
Wenn die meisten Menschen etwas Neues beginnen, fügen sie ein neues Projekt, ihr neues Hobby oder ihr neues Ziel hinzu. Selten stellen sie sich die Frage, was dadurch keinen Platz mehr hat oder nicht mehr sinnvoll ist.
Weglassen fühlt sich, ähnlich wie das Nichtstun durch den Unterlassungseffekt, nicht wie eine Handlung an. Es ist nicht sichtbar, nicht messbar, nicht produktiv im klassischen Sinn und deshalb übersehen wir es gerne. Wegstreichen oder Weglassen fühlt sich ähnlich wie beim Omission Bias nicht aktiv an. Unbewusst bewerten wir es als weniger wichtig.
Streichen ist keine Niederlage
Etwas zu beenden bedeutet nicht, dass es falsch war, sondern dass es nicht mehr passend ist. Niemand macht sich Gedanken über den Nutzen der Müllentsorgung. Sie ist für uns vollkommen normal und sagt nichts über unsere Ordnungsliebe oder Disziplin aus, es sei denn, wir entsorgen ihn nicht. Genauso sagt das Beenden einer Tätigkeit nichts über Kompetenz oder Durchhaltevermögen aus.
Etliches können wir loslassen, weil es seinen Zweck erfüllt hat. Einiges, weil sich die Rahmenbedingungen verändert haben. Manches, weil es mehr Energie kostet, als es zurückgibt. Ohne diesen Schritt ist oft kein Platz für Neues, weil wir sonst gar keinen Platz, keine Zeit oder keine Energie für unsere neuen Ziele, Projekte oder Gewohnheiten haben.
Eine andere Perspektive auf Vorsätze
Ähnlich wie zu Jahresbeginn, wenn wir darüber nachdenken, was wir neu beginnen wollen, könnten wir uns Mitte Jänner fragen:
„Was will ich bewusst beenden oder loslassen, damit Platz für das Neue entsteht?“
Üblicherweise lässt sich diese Frage nicht wie aus der Pistole geschossen beantworten. Sie erfordert zumindest ein kurzes Innehalten, Selbstbeobachtung im Alltag sowie ehrliche Reflexion ohne Schuldzuweisungen. Genau dafür ist schriftliche Reflexion hilfreich.
Einladung zur gemeinsamen Reflexion
Im Reflexionsclub geht es nicht darum, sich in einem vollen Terminkalender noch zusätzlich etwas aufzubürden, sondern Zeit für sich zu nehmen, hinzuschauen und darüber zu reflektieren, was uns zurzeit bewegt. Wir gewinnen Klarheit und entwickeln neue Strategien, was wir vielleicht in Zukunft bewusst weglassen können.
Wenn Dich diese Perspektive anspricht, findest Du alle Informationen zum Reflexionsclub hier: Reflexionsclub - Claudia Sprinz
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