14.6.26

Die Stärken des handschriftlichen Schreibens

Immer wieder werde ich gefragt, ob handschriftliches Schreiben oder Tippen besser ist. Dazu habe ich bereits vor mehreren Jahren auf YouTube ein Video erstellt und im heutigen Blogbeitrag schauen wir uns die wichtigsten Vorteile des handschriftlichen Schreibens an.

Von vielen unterschätzt

Im Schreibgeflüster-Podcast lade ich immer wieder spannende Personen ein. Der Eindruck, den ich aus mehreren Interviews gewinnen konnte, ist, dass handschriftliches Schreiben heute in der Schule keinen so hohen Stellenwert mehr hat wie früher. Mehrere Fachleute beklagten diese Entwicklung und weisen auf die damit verbundenen negativen Auswirkungen hin.

Wissenschaftlich wird diese Einschätzung bestätigt. Denn beim Schreiben mit der Hand sind deutlich mehr körperliche und geistige Prozesse beteiligt als beim Tippen. Beim Tippen ist der Bewegungsablauf weitgehend gleich, egal ob wir ein A, ein M oder ein Z schreiben. Beim handschriftlichen Schreiben müssen wir jeden Buchstaben formen. Das Gehirn verbindet dabei Bewegung, Sehen, Fühlen, räumliche Orientierung und Sprache.

Studien zeigen, dass beim Schreiben mit der Hand stärkere und weiter verzweigte Verbindungen im Gehirn entstehen als beim Tippen. Besonders jene Bereiche, die mit Lernen, Gedächtnis und Verarbeitung neuer Informationen zu tun haben, werden stärker aktiviert.

Handschrift als Lernbooster

Wer so wie ich das 10-Finger-System gelernt hat, tippt sehr schnell und kann etwa bei einem Vortrag nahezu wortwörtlich mitschreiben. Der Vorteil dieser Geschwindigkeit hat jedoch einen Haken: Weil diese Bewegungen gleichförmig sind, bleibt häufig eine tiefere Verarbeitung des Gehörten aus. Auch das kenne ich gut, dass ich am Ende zwar viele Wörter gesammelt, aber hinterher nicht unbedingt besser verstanden habe, worum es eigentlich geht.

Beim handschriftlichen Mitschreiben ist es zumeist nicht möglich, alles wortwörtlich zu notieren. Die Langsamkeit des Schreibens zwingt unser Gehirn dazu, beim Aufschreiben eine Auswahl zu treffen, das Gehörte zusammenzufassen und in eigene Worte zu bringen. Dadurch kann eine tiefere Verarbeitung als beim Tippen stattfinden. In mehreren Untersuchungen wurde gezeigt, dass handschriftliche Notizen insbesondere zum Verstehen komplexerer Inhalte Vorteile haben können.

Positiv fürs Gedächtnis

Die handschriftlichen Notizen helfen auch beim Erinnern. Etwas steht oben links, am Rand, unterstrichen, daneben ein Pfeil oder ein Rufzeichen. Unser Gehirn merkt sich beim Schreiben auf Papier nicht nur den Inhalt, sondern auch ungefähr, wo etwas stand.

Studien zeigen, dass handschriftliches Schreiben auch bei älteren Menschen gezielt eingesetzt wird, um Gedächtnis, Orientierung und geistige Aktivität zu fördern. Es kann dabei helfen, Erinnerungen zu stabilisieren und Orientierung zu geben. 

So kommen unter anderem sogenannte Erinnerungsbücher oder Tagebücher zum Einsatz. Sie helfen dabei, wichtige Ereignisse, Gedanken und Erfahrungen festzuhalten. Schreiben aktiviert dabei nicht nur die Sprache, sondern auch motorische und kognitive Prozesse. Dadurch können Erinnerungen leichter zugänglich bleiben und der Alltag besser strukturiert werden.

Forschende beobachten zudem, dass Schreiben Menschen dabei unterstützen kann, sich mit ihrer eigenen Lebensgeschichte auseinanderzusetzen. Gerade im höheren Alter kann dies dazu beitragen, das Gefühl der eigenen Identität zu stärken und Erinnerungen bewusster wachzuhalten.

Natürlich ist handschriftliches Schreiben kein Wundermittel gegen altersbedingte Veränderungen. Die Forschung deutet jedoch darauf hin, dass es eine einfache Möglichkeit sein kann, geistig aktiv zu bleiben und mehrere Bereiche des Gehirns gleichzeitig zu fordern.

Schreiben bringt Denken in Gang

Viele Menschen nutzen handschriftliches Schreiben nicht nur zum Lernen oder Erinnern, sondern auch zum Nachdenken. Denn dadurch werden Gedanken sichtbar.

Solange sich Ideen nur im Kopf befinden, drehen sie oft ihre Runden. Schreiben bringt uns dazu, Gedanken zu ordnen, zu strukturieren und in Worte zu fassen. Dadurch erkennen wir Zusammenhänge, Widersprüche oder neue Lösungswege oft deutlich leichter.

Auch die Forschung geht heute davon aus, dass Schreiben nicht bloß der Dokumentation dient. Der Schreibprozess selbst ist bereits Teil des Denkens. Gerade die langsamere Geschwindigkeit der Handschrift kann dazu beitragen, dass wir uns intensiver mit einem Thema auseinandersetzen und unsere Aufmerksamkeit länger bei einer Sache halten.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Tagebücher, Notizbücher und Schreibjournale seit Jahrhunderten beliebt sind. Sie dienen nicht nur dazu, Ideen und Erlebnisse zu dokumentieren, sondern auch dazu, Gedanken zu entwickeln, Entscheidungen vorzubereiten oder die Erfahrungen zu reflektieren.

Vorteile fürs Lernen, Erinnern, Denken und Reflektieren

Kindern und Jugendlichen kann handschriftliches Schreiben dabei helfen, Lerninhalte besser zu verarbeiten und langfristig zu behalten. Auch für ältere Menschen ist es ein gutes kognitives Training und hilft ihnen dabei, sich leichter an das Erlebte zu erinnern. Uns Erwachsene unterstützt das handschriftliche Schreiben beim Denken, weil wir damit besser Erlebnisse verarbeiten, Ideen weiterentwickeln und Entscheidungen vorbereiten können.

Wenn Du gemeinsam mit anderen handschriftlich reflektieren möchtest, könnte mein Reflexionsclub für Dich interessant sein. Dort gibt es Anregungen zur schriftlichen Selbstbeobachtung und Selbstreflexion und hinterher optional die Möglichkeit, sich mit anderen darüber auszutauschen.

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