Was machen viele Menschen, wenn es zeitlich eng wird? Sie werden schneller, hektischer, ungeduldiger und greifen zur nächstbesten Lösung, weil sie unmittelbar verfügbar ist. Das fühlt sich für sie vernünftig an. Schließlich haben sie keine Zeit zu verlieren.
Lothar Seiwerts berühmter Zeitmanagement-Klassiker trägt den Titel: „Wenn du es eilig hast, gehe langsam. Wenn du es noch eiliger hast, mache einen Umweg.“ Allein dieser Titel empfiehlt bereits das Gegenteil dessen, was viele Menschen im Alltag tun. Genau solche Fälle schauen wir uns heute näher an: Situationen, in denen etwas vernünftig aussieht, uns aber am Ende mehr kostet, als es bringt. Außerdem sehen wir uns an, wie Schreiben dazu beitragen kann, diese inneren Vorgänge transparent zu machen.
Die verführerische Abkürzung
Übrigens bin ich selbst exzellent darin, mich gelegentlich in meinem selbstproduzierten mentalen Irrgarten zu verlaufen. Wie die meisten Menschen liebe ich auch schlau wirkende Abkürzungen. Ich fühle mich währenddessen ungemein souverän und produktiv. Aber genau dort kann bereits das Problem lauern. Was uns im ersten Moment ein gutes Gefühl gibt, weil wir denken, besonders effizient zu sein, muss es auf den zweiten Blick noch lange nicht sein.
Mit gewissen Aktivitäten sparen wir kurzfristig Zeit und bezahlen später mit Unklarheit, schlechteren Entscheidungen oder zusätzlicher Erschöpfung. Manchmal wählen wir die schnelle Information und bekommen dafür nur einen bereits vorgefilterten Ausschnitt. Manchmal wählen wir eine vermeintliche Entspannung und sind hinterher unruhiger oder unkonzentrierter als vorher.
Der Schein der Information
Lass uns gleich mit einem Beispiel starten: Vor einigen Tagen bin ich zur Fachmesse „all about automation“ nach Wels gefahren, die vermeintlich nichts mit meinen beruflichen Themen zu tun hat. Es ging dort um Automatisierungs-, Robotik- und Digitalisierungslösungen für die industrielle Produktion. Die meisten in meinem Umfeld haben mich gefragt: Was machst Du dort? Viele dachten sofort daran, wie viel Zeit mich das kostet: Anreise, Programm, Gespräche, Eindrücke, Nachbereitung. Wenn man rein oberflächlich rechnet, wäre es schneller, ein paar Beiträge auf Social Media zu lesen oder ein Video zu schauen.
Nur ist das nicht dasselbe. Mich hat interessiert, wie KI in der Industrie eingesetzt wird und wo welche Roboter heute tatsächlich zum Einsatz kommen. Dort habe ich aus erster Hand erfahren, was in diesem Bereich gerade wirklich entsteht und welche Themen gerade viele Menschen bewegen. Ich höre, welche Fragen Fachleute stellen und worüber diskutiert wird. Bei mir entsteht dabei eine ganzheitliche Wahrnehmung der Entwicklungen und der Stimmung in einer Branche. Ob Vorträge oder informeller Austausch mit Fachleuten oder anderen Teilnehmenden, man erfährt dort aktuelle Trends aus der Praxis und es werden echte Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten besprochen.
Natürlich könnten Bücher oder auch Social Media informativ sein. Für zeitlose Inhalte ist das auch in Ordnung. Bei neuen Entwicklungen oder Trends kann leicht ein falscher Eindruck entstehen, weil in Social Media ein künstlicher Hype produziert wird. Daher mache ich mir lieber bei einer Fachveranstaltung vor Ort selbst ein Bild. Falls Du jemals an einer Pressekonferenz teilgenommen hast, weißt Du vielleicht, was ich meine. Alle Journalistinnen und Journalisten hören oder sehen idente Informationen, jedes Medium berichtet jedoch anders darüber.
Digitale Medien oder Social Media wirken deutlich schneller. Aber schnell ist nicht automatisch gut informiert. Denn solche Berichte sind bereits eine Interpretation einer Darstellung. Ich habe selten erlebt, dass in digitalen Medien oder Büchern so offen über branchenspezifische Praxiserfahrungen gesprochen wird wie bei Vorträgen, Konferenzen, Fachmessen oder Branchenveranstaltungen. Wenn ich mit jemandem während einer Pause oder an einem Stand plaudere, ist dieser Inhalt nicht auf maximale Klicks hin optimiert.
Der Schein der Zeitknappheit
Genau an diesem Punkt wird der Schein interessant. Wir empfinden etwas als wirtschaftlicher, weil es weniger Zeit kostet. Dabei übersehen wir, was wir dafür erhalten oder nicht bekommen.
Ähnlich beschreibt es Greg McKeown in seinem Buch „Essentialismus: Die konsequente Suche nach Weniger. Ein neuer Minimalismus erobert die Welt.“ Dort geht es nicht darum, möglichst zeitsparend viel zu erledigen, sondern das Wesentliche zu erkennen. Dieser Gedanke ist unangenehm, weil er unserem üblichen Reflex widerspricht. Wir glauben gerne, wir seien produktiv, wenn wir viel tun. Dabei wäre manchmal die ehrlichere Frage, ob wir überhaupt das Richtige tun.
In meinem letzten YouTube-Video ging es um einen weitverbreiteten Denkfehler. Die „Missachtung des Maßstabs (Scope Neglect/Scope Insensitivity)“ ist ein häufiger Denkfehler, bei dem wir Größenverhältnisse falsch einschätzen. Wir machen manche Dinge im Kopf größer, als sie eigentlich sein müssten, und andere kleiner, als sie tatsächlich sind. Gerade bei Zielen und neuen Gewohnheiten kann uns das ausbremsen: Etwas wirkt zu aufwendig, zu kompliziert oder zu groß, obwohl ein kleiner erster Schritt möglich wäre.
Wenn jemand sagt: „Dafür habe ich keine Zeit“, klingt das meistens plausibel. Wir alle haben Verpflichtungen, Termine, Nachrichten, Haushalt, Beruf/Business, Familie und Dinge, die erledigt werden müssen. Trotzdem lohnt sich manchmal ein zweiter Blick. Denn oft fehlt nicht nur Zeit. Oft verschwindet sie an Stellen, an denen wir gar nicht genau hinsehen.
Zehn Minuten hier, fünfzehn Minuten dort, schnell noch eine Nachricht beantworten, kurz Social Media öffnen, nebenbei ein Video ansehen. Einzeln betrachtet ist das kaum der Rede wert. In Summe sieht es anders aus, denn wir verschätzen uns bei Größenordnungen. Kleine Einheiten wirken unbedeutend, solange wir sie einzeln betrachten. Große Vorhaben wirken riesig, solange wir sie nur als Ganzes im Kopf haben.
Das gilt für Zeit. Es gilt aber auch für viele Tätigkeiten, die auf den ersten Blick sinnvoll aussehen.
Der Schein der Arbeit
Wenn wir ein Ziel erreichen wollen, sind Umsetzungsaktivitäten erforderlich. Ein Buch schreibt sich nicht von selbst. Ein Projekt wird nicht fertig, weil wir monatelang nur darüber nachdenken. Ein Körper wird nicht fitter, wenn wir wochenlang über Sportpläne grübeln. Auch dieser Blogbeitrag hat sich auch nicht von selbst hierher gezaubert, obwohl ich mir das mitunter wünsche. Trotzdem bürgen mehr Aktivitäten nicht automatisch für Qualität.
Das klingt banal, aber in der Praxis wird es oft ignoriert. Gerade wenn uns ein Ziel wichtig ist, hängen wir gerne noch etwas dran und alle emsigen Leute werden möglicherweise jetzt mit dem Kopf nicken. Noch eine Stunde, noch eine Quelle, noch eine Recherche, noch eine Überarbeitung, noch ein Wasauchimmer.
Bitte nicht falsch verstehen: In wichtigen und dringenden Fällen kann es erforderlich sein. Manchmal ist es nur unnötige, selbstproduzierte Quälerei. Wir arbeiten zwar weiter, aber nicht mehr mit dem gleichen Enthusiasmus. Wir lesen denselben Satz dreimal. Einfache Entscheidungen dauern doppelt so lange. Wir sitzen am Schreibtisch, stehen im Geschäft, in der Werkstatt, in der Küche, im Studio, im Labor oder wo auch immer wir unseren Arbeitsplatz haben, und innerlich ist nichts mehr klar.
Von außen sieht das nach Fleiß und Disziplin aus. Tatsächlich kann es bereits zu viel sein. Dann war diese zusätzliche Stunde nicht wirtschaftlich. Sie hat nicht mehr gebracht, sondern hat an unserer Substanz gezehrt und Geduld, Konzentration oder Schlaf gekostet.
Der Schein der Freizeit
Ähnlich betrachten wir Erholung. Wir tun oft so, als wäre jegliche Freizeit automatisch erholsam, weil sie nicht Arbeit ist. Das stimmt so nicht. Es gibt Freizeitaktivitäten, nach denen wir unruhiger sind. Und es gibt Freizeitaktivitäten, nach denen wir uns fühlen, als habe jemand unser Gehirn durch einen Fleischwolf gedreht.
Ein Spaziergang in der Natur, ein ruhiger Abend mit einer Tasse Tee vor dem Kaminfeuer oder ein Gespräch mit einem lieben Menschen könnte für uns erholsam sein. Ein vollgepackter Nachmittag mit Terminen, Besuchen, Geräuschkulisse und ständiger Erreichbarkeit kann zwar in unserer Freizeit stattfinden, aber trotzdem keine Erholung sein.
Das Problem ist nicht die Aktivität selbst. Das Problem ist das Mascherl, das wir dieser Aktivität geben, auf Deutsch: das Etikett. Nur weil etwas nicht während der Arbeitszeit stattfindet, ist es noch lange keine Regeneration.
Der Schein digitaler Ablenkung
Auch Ablenkung wird oft zu pauschal bewertet. Ablenkung hat keinen besonders guten Ruf, aber manchmal benötigen wir sie. Wenn der Stress hoch ist, kann eine kurze Unterbrechung sinnvoll sein. Ein paar Minuten an der frischen Luft, kurz durchatmen und die Augen schließen, könnten Balsam für die Seele sein. Selbst die allseits verrufenen Katzenvideos können manchen Leuten tatsächlich helfen. Sie sind harmlos, niedlich und holen uns für einen Moment aus dem inneren Druck heraus. Daran ist nichts Problematisches.
Sieben Stunden Katzenvideos sind vermutlich etwas anderes. Dann geht es nicht mehr um kurzweilige Erinnerungen an vierbeinige Freunde, die kurz entlasten können. Vielleicht geht es in Wirklichkeit um Ausweichen, Einsamkeit, Überforderung oder um ein anderes Bedürfnis, das wir in dem Moment erfolgreich verdrängen.
Social Media ist verführerisch, weil es viele Bedürfnisse gleichzeitig anspricht: Kontakt, Unterhaltung, Neuigkeit, Ablenkung, Inspiration, Bestätigung. Genau deshalb greifen viele Menschen so schnell danach.
Über intensive Social-Media-Nutzung wird zunehmend kritisch gesprochen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. So berichtet etwa CHIP über mögliche Zusammenhänge mit Stress, Schlafproblemen, Ängsten, Depressionen, Essstörungen und suchtartigem Verhalten.
Bei Erwachsenen sehe ich es differenzierter. Das Problem entsteht erst, wenn es sich zur Ersatzhandlung für alles andere entwickelt. Wenn ich Kontakt suche, wäre vielleicht ein Anruf, eine Nachricht, ein Treffen, ein Verein oder ein Ehrenamt passender. Wenn ich Abwechslung suche, könnten Musik, ein Podcast, ein Buch, ein Film, ein Spaziergang oder eine Veranstaltung in der Umgebung besser passen.
Aus der Content Creator-Szene weiß ich, dass sie sich häufig durch andere Social Media-Beiträge inspirieren lassen. Wenn ich Ideen für meine Inhalte suche, lasse ich mich durch meine eigenen Notizen, Gespräche mit interessanten Leuten, Vorträge, Ausstellungen oder Büchern auf neue Einfälle bringen.
Der Schein der Planung
Sogar Planung kann sich in eine ungesunde Richtung entwickeln, obwohl sie grundsätzlich vernünftig aussieht. Wer ein Ziel erreichen möchte, benötigt Struktur. Ohne Planung bleiben viele Vorhaben nur vage. Irgendwann brauchen wir konkrete Maßnahmen, Zeiträume, Prioritäten und Entscheidungen.
Planung kann auch zur eleganten Warteschleife werden. Dann recherchieren wir die neuesten Methoden, vergleichen wochenlang Tools, erstellen endlose Listen und optimieren etwa Zeitpläne und Reiseabläufe für eine Urlaubsplanung, die jeden Businessplan wie einen chaotischen Schmierzettel aussehen lässt. Währenddessen fühlen wir uns produktiv, obwohl wir noch keinen einzigen Schritt umgesetzt haben. Das fühlt sich nützlich an, wir wirken schlau, denn wir sind ja beschäftigt. Planen sieht besser aus als bloßes Aufschieben. Manchmal ist es das auch, aber nicht immer.
Die Dosis macht das Gift
Was erkennen wir aus diesen Beispielen? Manche Aktivitäten wirken leicht und harmlos. In Wirklichkeit beschäftigen, betäuben, unterhalten oder überbrücken sie etwas. Das kann in kleinen Mengen sinnvoll sein. Nicht jeder Moment in unserem Leben muss tiefgründig, revolutionär, glänzend oder bahnbrechend sein. Dies ist auch bei mir nicht immer der Fall. Manchmal ist ein Song, ein Video, ein Film oder ein bisschen Ablenkung genau richtig.
Den Schein durchschauen
Wie können wir herausfinden, wann Grenzen überschritten werden? Schreiben kann uns dabei unterstützen, weil es uns sofort Klarheit bringt. Indem ich aufschreibe, was mich bewegt, was ich denke oder wie ich mich fühle, entstehen bei mir regelmäßig Aha-Erlebnisse. Vielleicht bin ich gar nicht faul, sondern müde. Vielleicht bin ich nicht undiszipliniert, sondern überreizt. Eventuell benötige ich nicht noch mehr Information, sondern eine Entscheidung. Vielleicht wäre jetzt Kontakt mit lieben Menschen stimmiger. Vielleicht brauche ich nicht noch mehr Arbeit, sondern Ruhe oder Schlaf.
Viele unterschätzen die Wirkung des Schreibens, solange wir es nicht ausprobiert haben. Wenn etwas diffus im Kopf herumgeistert, wird es nicht durch noch mehr Grübeln klarer. Nehmen wir hingegen Papier und Stift zur Hand und notieren, was uns gerade in den Sinn kommt, sehen wir es schwarz auf weiß. Unsere Gedanken und Gefühle werden konkreter.
Hier sind ein paar einfache Fragen, die Du sofort schriftlich beantworten könntest:
- Wie geht es mir gerade?
- Was ist mir im Moment wichtig?
- Was brauche ich jetzt?
An den Antworten erkennen wir, was uns bewegt. Schreiben bringt uns wieder in Kontakt mit uns selbst. Es macht unsere Gedanken und Empfindungen sichtbar.
Wenn Du gemeinsam mit anderen über solche Fragen reflektieren möchtest, könnte mein Reflexionsclub für Dich interessant sein. Dort geht es genau darum: genauer hinzusehen, eigene Muster zu erkennen und herauszufinden, was im eigenen Leben tatsächlich hilfreich ist.