27.9.26

Wenn zu viel gleichzeitig passiert

Ende September genießen wir nach dem heißen Sommer die kühleren Temperaturen. Gleichzeitig ist nach der sommerlichen Leichtigkeit der Alltag dichter geworden. Kalendarisch ist bereits Herbst und in wenigen Tagen beginnt auch das zumeist dichte, letzte Jahresviertel. Jetzt wäre eine gute Gelegenheit, um zu überlegen, wie wir in den Wochen bis Weihnachten Arbeit, Termine, Freizeit, Familie oder Freunde unter einen Hut bringen könnten.

Für die Eltern war der Schulbeginn bereits das Signal, dass wieder die Termine der Kinder den Alltag strukturieren und auch im Beruf kommen neue Dinge hinzu. Vielleicht wird ein neues Projekt gestartet oder es braucht jemand Unterstützung. Es kann auch sein, dass Du Dich anders ernährt hast oder ein paar Tage schlechter geschlafen hast.

Obwohl draußen die Sonne scheint und alles nach Spätsommer aussieht, hättest Du jetzt trotzdem gerne etwas mehr Ruhe als sonst. Du schließt vielleicht die Augen und träumst Dich in den Urlaub zurück und in dem Moment plagt Dich das schlechte Gewissen: Du hattest doch kürzlich eine Auszeit, aber die Erholung scheint wie weggeblasen. Woran kann das liegen? Hat das mit dem Alter zu tun? Oder sind wir nicht mehr so viel gewohnt wie früher? Dabei hast Du möglicherweise nichts falsch gemacht, sondern es hat sich nur etwas verändert. Denn dieser ausgeglichene Zustand ist nicht von Dauer.

Zwischen Vorstellung und Realität

Was für uns in dem Moment gut passt, kann ein paar Stunden später bereits anders aussehen. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die dazu führen, dass wir uns ganz anders fühlen. Morgens nehmen wir uns vor, dass wir uns am Abend mit Freunden treffen. Ein anstrengender beruflicher Termin oder ein schwieriges Telefonat mit einem Familienmitglied könnten bereits dazu führen, dass wir den Abend lieber am Sofa verbringen wollen. In einem der letzten Videos habe ich die Empathielücke (Empathy Gap) vorgestellt. Es ist ein häufiger Denkfehler, bei dem wir in einem bestimmten Zustand nur schwer einschätzen können, wie wir uns in einem anderen fühlen werden. Wenn wir, so wie in dem Beispiel, morgens ausgeschlafen und gut gelaunt sind, können wir uns vielleicht kaum vorstellen, dass wir am Abend erschöpft sind und keine Lust mehr auf Gesellschaft haben.

Umgekehrt kann es genauso passieren. Nach einem anstrengenden Tag glauben wir vielleicht, dass wir am liebsten für den Rest der Woche niemanden mehr sehen wollen. Am nächsten Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus. Diese Veränderungen können viele Aspekte betreffen, wie unsere Gefühle, unsere Bedürfnisse oder unseren Energiezustand. Dazu kommt, dass sich die Anforderungen von außen laufend verändern. Etwas, das gestern noch gut in unseren Alltag gepasst hat, kann heute bereits zu viel sein.

Alles hat Folgen

Ähnlich wie die Empathielücke ein automatischer Denkfehler unseres Gehirns ist, gibt es eine weitere trickreiche kognitive Verzerrung, die sich in solchen Fällen zeigen kann. Es ist die sogenannte Vernachlässigung der Opportunitätskosten (Opportunity Cost Neglect), bei der wir leicht übersehen, dass wir mit jeder Möglichkeit, für die wir uns entscheiden, gleichzeitig auf andere verzichten. 

Wenn wir uns am Abend mit Freunden treffen, können wir in dieser Zeit nicht gleichzeitig am Sofa liegen, Sport machen, ein Buch lesen oder etwas erledigen. Entscheiden wir uns stattdessen für einen ruhigen Abend zu Hause, verzichten wir auf das Treffen und möglicherweise auf einen schönen gemeinsamen Abend. Keine dieser Möglichkeiten ist grundsätzlich besser oder schlechter. Entscheidend ist, was für uns in diesem Moment wichtiger ist.

Wenn jetzt im Herbst mehrere Dinge gleichzeitig unsere Zeit, Aufmerksamkeit oder Energie beanspruchen, könnte sich das herausfordernd anfühlen. Vielleicht möchten wir beruflich etwas fertigstellen, jemandem aus dem Bekanntenkreis helfen, regelmäßig Sport machen, ausreichend schlafen und endlich wieder mehr lesen. 

Jede einzelne Sache ist uns wichtig und trotzdem können wir nicht alles gleichzeitig machen. Allein diese vielen gleichzeitigen Möglichkeiten können bereits Stress verursachen. Manche erhoffen sich in Social Media Tipps zur Lösung. Dort liest man häufig, dass wir nur entspannter sein müssen, oft ist vom Finden der „innere Balance“ die Rede. Gewisse Leute behaupten, dann würde sich solche Themen von allein in Luft auflösen. Nachdem ich mich schon seit vielen Jahren mit Methoden zur Gewinnung innerer Ruhe beschäftige und diese auch praktiziere, wie Meditation, kann ich mich über solche Aussagen nur wundern.

Ich habe noch nie erlebt, dass eine Meditation je für mich eine Entscheidung getroffen hätte, wenn meine „innere Balance“ aufgrund eines unvorhergesehenen Ereignisses aus dem Takt geraten ist. Was Atemübungen, Achtsamkeitspraxis, Meditation & Co jedoch wunderbar leisten: Sie können uns beruhigen. Damit schaffen sie die Voraussetzung für bessere Entscheidungen, damit wir nicht in Panik kopflos agieren. Die eigentliche Entscheidung müssen wir jedoch selbst treffen und damit auch leben können. 

Wie bereits erwähnt, bleibt es uns nicht erspart, dass wir mitunter auf etwas verzichten müssen, weil nicht alles gleichzeitig möglich ist. Wir können nicht gleichzeitig in Spanien und in Norwegen auf Urlaub sein oder gleichzeitig aufmerksam ein Buch lesen und einen Film schauen. Aufgrund der Vernachlässigung der Opportunitätskosten beachten wir die anderen Möglichkeiten zu wenig.

Innere Ruhe als Dauerzustand?

Was auch häufig zu Missverständnissen führt, ist der Eindruck, wenn wir innerer Ruhe erreicht haben, wäre die „Arbeit“ erledigt und es bliebe so. In Wirklichkeit schwankt auch dieser Zustand. Wenn plötzlich etwas Unvorhergesehenes passiert, bleiben wir in manchen Momenten tiefenentspannt. An anderen Tagen können uns bereits Kleinigkeiten aus der Ruhe bringen. Daher wird auch empfohlen, solche Praktiken regelmäßig auszuüben und zur Gewohnheit zu machen, ähnlich wie wir es von Sport oder gesunder Ernährung kennen.

Unabhängig davon, wie geübt wir bereits darin sind, kann Selbstbeobachtung und Selbstreflexion durch Schreiben für uns hilfreich sein. Es unterstützt uns dabei, unsere inneren Zustände zu Papier zu bringen  und schriftlich darüber nachdenken, was sie für uns bedeuten. Beides kann dazu beitragen, dass wir leichter herausfinden, was wir gerade benötigen und welche Entscheidungen für uns passen.

Falls Du das ausprobieren und von mir anleiten lassen möchtest, könnte der Reflexionsclub für Dich interessant sein. Schau gerne mal vorbei.

6.9.26

Social Media: Fluch oder Segen?

Ist Social Media schädlich und für wen? Was sollten wir über Soziale Medien wissen, auch wenn wir nicht selbst dort aktiv sind? Diesen und weiteren aktuellen Fragen geht dieser Blogbeitrag auf den Grund. Dabei bringe ich meine Sichtweise sowie meine Erfahrungen ein, schließlich bin ich selbst schon seit Jahren in Social Media aktiv.

Social Media und junge Menschen


Aktuell wird in Österreich über ein Social-Media-Verbot für Jugendliche diskutiert. Seit Ende 2025 führte Australien als erstes Land weltweit ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige ein. Im Juni äußerte sich auch die britische Regierung, ein solches einführen zu wollen und in weiteren EU-Ländern werden entsprechende Maßnahmen gerade vorbereitet. 

Obwohl es auch positive Auswirkungen gibt, weisen zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen darauf hin, dass die Risiken und negativen Auswirkungen für Kinder und Jugendlichen deutlich höher sind. Einer der Kritiker der übermäßigen Nutzung digitaler Medien durch Kinder und Jugendliche ist der bekannte Neurowissenschaftler Manfred Spitzer, der dazu bereits seit vielen Jahren zahlreiche Bücher veröffentlicht hat. 

Im Mai wurde im Auftrag des Fonds Gesundes Österreich von der Gesundheit Österreich GmbH (einer öffentlichen wissenschaftlichen Einrichtung) eine Überblicksstudie veröffentlicht, die sich mit der Auswirkung Sozialer Medien auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Dabei wurden 145 internationale Studien, die von 2015 bis 2025 veröffentlicht wurden, ausgewertet. 

Dabei zeigte sich, dass dieses Thema sehr komplex ist. Als problematisch wurden vor allem passives Scrollen, sozialer Vergleich mit idealisierten Darstellungen, suchtähnliche Muster, die nächtliche Nutzung und Schlafmangel sowie emotional belastende oder stark polarisierende Inhalte identifiziert. 

Positive Seiten sind hingegen soziale Unterstützung, Zugehörigkeit und emotionale Entlastung. Eine der wesentlichen Schlussfolgerungen daraus ist, dass die Förderung digitaler und sozial-emotionaler Kompetenzen sowie eines unterstützenden Umfelds in Familie, Schule und unter Gleichaltrigen entscheidend dafür sind, wie sich Social Media auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auswirkt.

Meine Veröffentlichungen zu Medien


Die gute Frage ist: Was bedeutet das für Erwachsene und insbesondere für Menschen, die sich fürs Schreiben und/oder Lesen interessieren? An der Stelle möchte ich gerne auf mehrere Inhalte hinweisen, die ich bislang bereits zu Medien veröffentlicht habe. 

Einerseits gab es bereits Anfang 2024 einen Blogbeitrag zum Thema Brauche ich Social Media? (Link:  https://claudiasprinz.blogspot.com/2024/01/brauche-ich-social-media.html). Dieser Beitrag richtet sich hauptsächlich an Kreative und Selbstständige, die sich gelegentlich fragen, ob es sich lohnt, in Sozialen Medien aktiv zu sein.

Im Sommer 2024 habe ich zwei Podcast-Episoden über Mediengeschichte veröffentlicht. Im ersten Teil ging es um die Entwicklung der menschlichen Sprache bis zum Buchdruck und Zeitungen. Teil zwei stellte den Weg von gedruckten zu elektronischen und digitalen Medien vor und gab einen Ausblick in die Zukunft mit künstlicher Intelligenz. Dabei sprach ich auch Social Media an.

Im heurigen Sommer 2026 beschäftigte ich mich aufgrund der Inspiration eines Users (kurioserweise ausgerechnet in Social Media) in einer mehrteiligen Serie mit dem Thema Lesen. Die Serie startet mit der Anregung, Lesen neu zu entdecken, stellte die Frage, was man lesen könnte, warum wir lesen, wie wir lesen und wo wir lesen könnten. Da die Serie zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Blogposts noch nicht abgeschlossen ist, werde ich ihn später nachträglich aktualisieren.

Warum ich mich dazu äußern kann


Wer mich bereits kennt oder in Social Media folgt, weiß vielleicht, dass ich neben meinen Drehbuchausbildungen und einem Lehrgang zum Literarischen Schreiben auch digitale Medien (der Studiengang hieß damals Multimedia Art) studiert habe. 

Neben der Beschäftigung mit unterschiedlichen Medien, beruflicher Tätigkeit im Medienbereich und der Veröffentlichung unterschiedlicher Texte, kannst Du im Buch „Sichtbar - 14 authentische Lebensgeschichten“ meine persönlichen Erfahrungen nachlesen.

Soziale Medien verstehen


Niemand muss einen landwirtschaftlichen Betrieb besitzen oder im Detail verstehen, welche Bedeutung die Bodenqualität für den Ertrag spielt, um die Bedeutung der regionalen Versorgung für unsere Ernährung zu verstehen. Genauso wenig muss man auf allen Social-Media-Plattformen angemeldet sein, ständig alle Inhalte anschauen oder selbst welche dort veröffentlichen. Es ist jedoch sinnvoll, zumindest ein Grundverständnis dafür zu entwickeln, welche Plattformen es gibt, wie sie funktionieren und wofür sie genutzt werden können.

Wer ist beispielsweise auf Facebook, Instagram, LinkedIn, Threads, TikTok oder YouTube unterwegs? Welche Inhalte werden dort veröffentlicht? Wie unterscheiden sich die Plattformen voneinander? Was kann ich dort lernen? Welche Menschen kann ich kennenlernen? Und welche Möglichkeiten bieten sie mir vielleicht selbst?

Wie wir vorhin aus der Überblicksstudie des Fonds Gesundes Österreich erfahren haben, sollten diese Fragen insbesondere Erziehungsberechtigte und Lehrkräfte beantworten können. Auch für Menschen, die gerne lesen und/oder schreiben, ist es hilfreich, Social Media einordnen zu können, denn Soziale Medien sind längst ein Teil unserer heutigen Medienlandschaft geworden. Es werden dort nicht nur private Fotos oder kurze Videos veröffentlicht. Menschen teilen ihr Fachwissen, diskutieren aktuelle Themen, empfehlen Bücher, präsentieren ihre Arbeit, knüpfen Kontakte und lernen andere Sichtweisen kennen.

Social Media ist immer auch das, was wir daraus machen. Die Inhalte und Gespräche entstehen durch die Menschen, die sich dort beteiligen. Genau deshalb ist es mir wichtig, unterschiedliche Plattformen nicht nur zu nutzen, sondern diese auch zu beobachten.

Einen wichtigen Teil machen die technischen Rahmenbedingungen einer Plattform aus. Dies betrifft die grundlegenden Funktionen der jeweiligen Plattform. Wie viele Zeichen kann ich pro Beitrag eingeben? Darf ich auch Bilder oder Videos hochladen? Welche Formate sind möglich und auf dieser Plattform erwünscht? 

Außerdem gibt es auf den verschiedenen Social-Media-Plattformen unterschiedliche Gründe, warum uns gewisse Inhalte in einer bestimmten Reihenfolge gezeigt werden. Auch das ist technisch durch die jeweilige Plattform vorgegeben. 

Die dunkle Seite


Hier kommt auch die häufig geäußerte Kritik an Social Media ins Spiel. Auf manchen Plattformen sind die Mechanismen darauf ausgerichtet, die Aufmerksamkeit der Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange zu binden. Dazu werden unter anderem Inhalte bevorzugt, die automatisch emotionale Reaktionen wie Neugier, Überraschung oder Empörung auslösen. Wer diese psychologischen Mechanismen nicht kennt, kann leicht in den Sog solcher Inhalte geraten. Dafür gibt es mittlerweile mehrere Fachbegriffe.

Reißerische Schlagzeilen kennt man bereits von Zeitungen. Von „Clickbait“ spricht man, wenn ein digitaler Medienbeitrag hauptsächlich darauf ausgerichtet ist, möglichst viel Aufmerksamkeit und möglichst viele Klicks zu erzeugen. Dafür werden gerne Aufreger, Skandale oder bewusst provokante Formulierungen genutzt.

Stell Dir nun vor, es handelt sich nicht nur um das Titelblatt einer Zeitung, sondern um einen Social-Media-Beitrag nach dem anderen, der Deine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Manche Plattformen ermöglichen, dass Du dort praktisch endlos weiterscrollen kannst, ohne eine neue Seite öffnen zu müssen. Auf Englisch wird es „Infinite Scrolling“ genannt. Wer dabei primär immer weiter negative oder beunruhigende Nachrichten konsumiert, obwohl diese zunehmend belasten, betreibt sogenanntes „Doomscrolling“.

Bewusst nutzen


Social Media ist jedoch nicht automatisch gleichbedeutend mit stundenlangem Scrollen. Entscheidend ist auch hier, wie wir damit umgehen und wofür wir die unterschiedlichen Plattformen nutzen.

Ich selbst verwende Soziale Medien beispielsweise vor allem, um mich kreativ auszudrücken, meine Arbeit sichtbar zu machen, mich mit anderen Menschen zu vernetzen und andere Perspektiven kennenzulernen. Vieles, was ich dort erfahre, würde mir außerhalb dieser Plattformen vermutlich nie begegnen.

Für Kreative oder alle Menschen, die sich fürs Schreiben oder fürs Lesen interessieren, bietet Social Media eine Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Dafür habe ich meine kostenlose Facebook-Gruppe gestartet.

Social Media-Aktivitäten beobachten

Wer bereits regelmäßig auf verschiedenen Plattformen aktiv ist, könnte seine Aktivitäten dokumentieren oder darüber schriftlich reflektieren. Nutze gerne die nachfolgenden Fragen als Inspiration:
  • Welche Social-Media-Plattformen nutze ich?
  • Wie viel Zeit habe ich heute/diese Woche/diesen Monat auf der jeweiligen Plattform verbracht?
  • Womit habe ich mich auf der jeweiligen Plattform beschäftigt?
  • Wen habe ich dort kennengelernt?
  • Wie fühle ich mich während und nach der Nutzung?
Je nach Häufigkeit der Social Media-Nutzung kannst Du diese Übung einmal oder regelmäßig durchführen.

Wenn Du unter Anleitung reflektieren möchtest, könnte mein Reflexionsclub für Dich interessant sein. Dort gibt es Anregungen zur schriftlichen Selbstbeobachtung und Selbstreflexion, die Möglichkeit, mir Fragen zu stellen oder Dich optional mit anderen auszutauschen.


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