8.2.26

Blinde Flecken bei Gewohnheiten

Mittlerweile denkt kaum noch jemand an seine Neujahrsvorsätze. Fünf Wochen nach Jahresbeginn sind sie bei etlichen Menschen längst Geschichte. Einige wenige Bemühte haben mittlerweile die Einsicht gewonnen, dass es nicht um einzelne kleine Veränderungen oder um kurzfristige Motivation geht, sondern um die Veränderung von Gewohnheiten. Gleich hier ein Beispiel: Wer zu Jahresbeginn sportlicher werden wollte, wird das ohne wiederholte Umsetzung im Alltag vermutlich nicht schaffen.

Obwohl den meisten Leuten klar ist, dass nachhaltige Veränderung nur über Gewohnheiten funktioniert, scheitern viele genau an dieser Stelle und etliche fragen sich, wieso sie mit ihrem Ziel, das sie sich zum Jahreswechsel gesetzt haben, erneut am selben Punkt stehen.

Warum es nicht klappt

Ich starte mit der guten Nachricht zuerst: Damit sind sie nicht allein. Denn dieses wiederholte Scheitern ist kein persönliches Versagen. Es hat auch nichts damit zu tun, dass sie „einfach nicht durchziehen“, wie es mitunter in Social Media von gewissen Leuten behauptet wird. 

Wenn kein individuelles Versagen und auch keine mangelhafte Disziplin dahintersteckt, fragst Du Dich eventuell, woran es liegen könnte? Das zu durchschauen ist einfacher als viele denken, denn es sind nichts anderes als blinde Flecken.

Diese anderen Perspektiven werden interessanterweise weder in den meisten Ratgeberbüchern noch von Influencern zum Verändern von Gewohnheiten erwähnt. Leider laufen deren gut gemeinte Veränderungsvorschläge dadurch ins Leere und viele Anstrengungen zur bewussten Veränderung lösen sich genau aus dem Grund nach kurzer Zeit wieder von allein auf.

Zu enger Begriff

Eines der größten Missverständnisse zu Gewohnheiten liegt darin, dass sie zumeist viel zu reduziert gedacht werden. Die Motivations-Parolen reduzieren uns Menschen auf unser sichtbares Verhalten. Im Grunde ist das ähnlich, wie wenn in der Wissenschaft Laborratten beobachtet werden. Man schaut sich an, was sie tun oder lassen, das heißt, es werden Routinen und Abläufe betrachtet.

Natürlich ist es wichtig zu schauen, was wir wiederholt machen, aber es geht nicht nur um das oberflächliche Verhalten, das andere an uns erkennen können. Denn Gewohnheiten entwickeln sich nicht nur durch unser Verhalten, sondern beginnen bereits mit unserer Wahrnehmung, unseren Bewertungen und unseren Entscheidungen. 

Das zeigt sich besonders deutlich beim sogenannten Mere-Exposure-Effekt, den ich letzte Woche auf YouTube vorgestellt habe. Allein der wiederholte Kontakt mit etwas erhöht unsere Sicherheit und unser Vertrauen. Das heißt, bereits das Anschauen, Hören und Denken von etwas führt automatisch zu mehr Vertrautheit und beeinflusst dadurch unsere Vorlieben. 

Gewohnheiten entstehen somit nicht erst beim bewussten Vorsatz, sondern deutlich früher. Bereits Gedanken und der wiederholte Kontakt mit bestimmten inneren und äußeren Reizen schaffen die Grundlage für unsere Vorlieben. Daraus entwickeln sich schrittweise unsere Gewohnheiten.

Genau hier liegen weitere blinde Flecken. Viele Versuche, Vorlieben oder auch Gewohnheit zu verändern, setzen erst dort an, wo diese Prozesse längst unbewusst ablaufen. Uns wird erklärt, dass wir beim sichtbaren Tun ansetzen sollen, ohne uns darauf aufmerksam zu machen, was automatisch im Hintergrund bereits wirksam ist.

Um diese Ebenen sichtbar zu machen, brauchen wir weder Drill oder Disziplin noch Motivationsparolen zum „beinharten Durchziehen“ neuer Routinen, sondern Offenheit für neue Erkenntnisse. 

Nur wenn wir neugierig hinschauen, werden wir unbemerkte Wiederholungen wahrnehmen, unterscheiden und einordnen können. Dabei unterstützt uns Schreiben. Schriftliche Reflexion ermöglicht uns, Denkbewegungen, Deutungsmuster, innere Selbstverständlichkeiten sichtbar zu machen.  

Der falsche Ansatz

Außerdem wird uns oft von selbst ernannten Mindset-Gurus eingeredet, wir müssten nur an den richtigen Stellschrauben drehen und es entstünde sofort ein anderes Ergebnis. Sie reden uns ein, wir müssten „nur“ Routinen, Abläufe, wiederkehrende Handlungen verändern, also das, was wir bereits sehen. Aber wir übersehen dabei, dass diese Gewohnheiten lediglich die Auswirkungen unserer früheren Entscheidungen sind.  

Solche Ansätze sind in etwa so sinnvoll, wie einem Golfrasen vorzuwerfen, dass dort keine Blumen blühen. Man kann an den Halmen ziehen oder den Rasen anschreien, er wird sich nicht ändern. Denn der Golfrasen sieht deshalb so aus, weil jemand vorher entschieden hat, eine bestimmte Rasenmischung zu nehmen, und diesen wird auf ganz bestimmte Weise zu pflegen, damit das Gras so aussieht, dass man darauf Golf spielen kann.  

Hätte damals jemand den Boden nicht entsprechend vorbereitet und keine Golfrasenmischung, sondern Wildkräuter ausgesät, und diese sich selbst überlassen, wäre jetzt eine Wiese dort. Aber auch der Golfplatz könnte, sofern man die Pflege einstellen würde, zeitnah verwildern, wenn Samen vom Wind und Tieren hingetragen werden. Nach einer gewissen Zeit stünde auch dort eine Blumenwiese. 

Ähnlich ist es mit unseren Gewohnheiten. Sie sind nicht nur das, was wir auf den ersten Blick sehen, sondern auch gleichzeitig das, was am Ende eines längeren Prozesses sichtbar wird. Bevor eine unserer Gewohnheiten entsteht, wirken mehrere Ebenen im Hintergrund. Sie entscheiden darüber, was uns sinnvoll erscheint, was wir für notwendig halten und was wir wiederholen, ohne es bewusst zu bemerken. 

Drei unterschiedliche Bereiche

Damit das etwas klarer wird, kannst Du Dir das wie drei übereinanderliegende Ebenen vorstellen. Die oberste Ebene ist unsere Wahrnehmung und Interpretation. Hier entstehen durch den wiederholten Kontakt vertraute Selbstverständlichkeiten, die uns innerlich begleiten, wie Gedanken, Bewertungen, innere Dialoge. Unsere Wahrnehmung und Interpretation wirkt dauerhaft im Hintergrund und ist uns oft nicht bewusst.

Diese Ebene beeinflusst eine weitere, bei der es um unseren persönlichen Nutzen geht. Alle Verhaltensweisen müssen zuerst einmal für uns einen Sinn und Zweck erfüllen. Ein Verhalten könnte dazu da sein, um Spannung zu reduzieren oder um uns Orientierung zu bieten oder auch, um uns ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit zu geben. Dies läuft häufig ebenfalls unbewusst ab.

Erst auf der dritten Ebene zeigt sich das, was wir „Gewohnheit“ nennen. Unser sichtbares Verhalten ist das, was wir tun oder lassen. Die meisten Ratgeber, Tipps oder Empfehlungen setzen erst dort an. Wer ausschließlich auf dieser Ebene arbeitet, versucht, Symptome zu bekämpfen, ohne sich mit den Ursachen beschäftigt zu haben, unter denen sie entstanden sind. 

Jetzt ist hoffentlich klar, warum es sich anstrengend anfühlt und selten dauerhaft funktioniert. Denn es ist ebenso effektiv wie einen Golfrasen anzuschreien. Somit ist hoffentlich klar, dass es kein persönliches Versagen, sondern eine logische Folge der zuvor genannten blinden Flecken ist.

Die individuellen Ebenen aufspüren

Zum Glück gibt es Selbstbeobachtung und Selbstreflexion durch Schreiben. Sie machen das, was in uns vorgeht, schwarz auf weiß sichtbar. Wir erkennen, worüber wir nachdenken, was diese Gedanken für uns bedeuten und welche blinden Flecken dadurch entstehen. Unsere Notizen entlarven nicht nur unsere unbewussten Denkfehler, dazu gibt es etliche Videos auf YouTube, sondern sie lassen uns auch unsere (Denk-)Gewohnheiten erkennen. 

Durch Schreiben gewinnen wir Klarheit darüber, welchen Nutzen unsere Verhaltensweisen für uns haben und welche Einstellungen dahinterstehen. Zahlreiche Tipps zu Selbstbeobachtung und Selbstreflexion durch Schreiben findest Du nicht nur auf YouTube, sondern auch auf diesem Blog und im Schreibgeflüster-Podcast.  

Für Menschen, die diesen Prozess nicht allein, sondern gemeinsam und in einem klaren Rahmen vertiefen möchten, gibt es dafür den Reflexionsclub.

18.1.26

Übersehene Hürden des Neuanfangs

Rund um den Jahreswechsel nehmen sich standardmäßig viele Menschen vor, etwas in ihrem Leben zu verändern. Die neuen Veränderungen in den Alltag zu integrieren ist gar nicht so einfach, weil am Weg dorthin einige Hürden lauern.

Auf YouTube stellte ich bereits den Unterlassungseffekt (Omission Bias) vor. Das ist ein Denkfehler, bei dem Nichthandeln weniger bedeutsam erscheint als aktives Tun. Was wir nicht aktiv umsetzen, fühlt sich nicht wie eine Entscheidung an, obwohl es ebenfalls eine ist.  Diese kognitive Verzerrung macht unser Gehirn beim Denken automatisch. Sie trägt wesentlich dazu bei, dass wir neue Vorhaben gar nicht erst in Angriff nehmen. Alles, das sich nicht wie aktives Tun anfühlt (z. B. Beenden, Aufhören oder Weglassen) wird innerlich geringer bewertet, obwohl es ebenso eine Entscheidung ist.

In diesem Blogbeitrag geht es um eine weitere Hürde, die jedoch entscheidend dazu beiträgt, wieso im Laufe des Jänners viele Menschen ihre Neujahrsvorsätze rasch wieder aufgegeben. Denn kaum jemand denkt beim Festlegen der Ziele fürs neue Jahr darüber nach, was zur Erreichung der neuen Ziele wegfallen soll.

Unsere Aufmerksamkeit richtet sich fast ausschließlich auf das Neue, also auf das, was dazukommen soll. Dass unser Alltag, unsere Zeit und unsere Energie jedoch nicht unbegrenzt sind, blenden wir dabei unbewusst aus.

Wir starten motiviert mit der Umsetzung der neuen Ziele, doch kaum ist der Alltag wieder da, bleiben die neuen Ziele schleichend auf der Strecke. Wir bemerken es zwar, zweifeln an uns und denken, wir sind nicht diszipliniert genug oder müssen uns besser organisieren.  In Wirklichkeit liegt es an einem blinden Fleck, den wir systematisch übersehen haben. Dieser hat nichts mit mangelnder Disziplin oder Organisation zu tun. Sondern wir haben uns nie bewusst vom Alten verabschiedet, das der Umsetzung im Weg steht.

Ein alltägliches Erlebnis

Damit das nicht zu theoretisch bleibt, möchte ich Dir ein praktisches Beispiel bringen. Sobald wir Essen einkaufen, fällt Abfall an. Das können Lebensmittelabfälle oder Verpackungen sein. Für jede Person, die einen Haushalt führt, ist das nichts Ungewöhnliches. Haushaltsmüll entsteht automatisch, ohne dass wir darüber nachdenken müssen. 

Niemand empfindet es als persönliches Versagen, dass beim Zubereiten eines Gemüsegerichts Schalen, Stängel oder Kerne entfernt werden müssen. Auch beim Verkochen des Gemüses aus dem eigenen Garten, bei der Zubereitung eines Fertiggerichts oder selbst in einem Hotel mit Vollpension entsteht in den Zimmern Abfall.

Nun stelle Dir vor, dieser Müll wird nicht entsorgt und bleibt liegen. Woche für Woche wird es immer mehr. Nach einiger Zeit wäre dieser Raum kaum noch benutzbar, weil wir nichts hinausbringen.

Niemand würde in so einer Situation darüber nachdenken, wie man den Unrat sortieren und besser organisieren könnte. Auch die Vorstellung, diesen Abfall hübscher zu gestalten oder dafür zu sorgen, dass dieser angenehmer duftet, wäre vollkommen absurd. Die Lösung ist offensichtlich, denn der Abfall muss rasch weg.

Genau das passiert selten

Interessanterweise denkt über den Alltag kaum jemand so. Wir sammeln ebenfalls Aufgaben, Verpflichtungen, Gewohnheiten, Projekte oder Erwartungen. Schalen und Stängel hatten fürs Gemüse eine bestimmte Funktion und werden vor dem Kochen oder Verspeisen entfernt. Ähnlich ist es mit den alten Aufgaben. Sie waren zu einem bestimmten Zeitpunkt sinnvoll, haben damals einwandfrei funktioniert und sind Teil des Alltags geblieben, ohne später bewusst überprüft zu werden.

Wenn die meisten Menschen etwas Neues beginnen, fügen sie ein neues Projekt, ihr neues Hobby oder ihr neues Ziel hinzu. Selten stellen sie sich die Frage, was dadurch keinen Platz mehr hat oder nicht mehr sinnvoll ist.

Weglassen fühlt sich, ähnlich wie das Nichtstun durch den Unterlassungseffekt, nicht wie eine Handlung an. Es ist nicht sichtbar, nicht messbar, nicht produktiv im klassischen Sinn und deshalb übersehen wir es gerne. Wegstreichen oder Weglassen fühlt sich ähnlich wie beim Omission Bias nicht aktiv an. Unbewusst bewerten wir es als weniger wichtig.  

Streichen ist keine Niederlage

Etwas zu beenden bedeutet nicht, dass es falsch war, sondern dass es nicht mehr passend ist. Niemand macht sich Gedanken über den Nutzen der Müllentsorgung. Sie ist für uns vollkommen normal und sagt nichts über unsere Ordnungsliebe oder Disziplin aus, es sei denn, wir entsorgen ihn nicht.  Genauso sagt das Beenden einer Tätigkeit nichts über Kompetenz oder Durchhaltevermögen aus.

Etliches können wir loslassen, weil es seinen Zweck erfüllt hat. Einiges, weil sich die Rahmenbedingungen verändert haben. Manches, weil es mehr Energie kostet, als es zurückgibt. Ohne diesen Schritt ist oft kein Platz für Neues, weil wir sonst gar keinen Platz, keine Zeit oder keine Energie für unsere neuen Ziele, Projekte oder Gewohnheiten haben. 

Eine andere Perspektive auf Vorsätze

Ähnlich wie zu Jahresbeginn, wenn wir darüber nachdenken, was wir neu beginnen wollen, könnten wir uns Mitte Jänner fragen:

„Was will ich bewusst beenden oder loslassen, damit Platz für das Neue entsteht?“ 

Üblicherweise lässt sich diese Frage nicht wie aus der Pistole geschossen beantworten. Sie erfordert zumindest ein kurzes Innehalten, Selbstbeobachtung im Alltag sowie ehrliche Reflexion ohne Schuldzuweisungen. Genau dafür ist schriftliche Reflexion hilfreich.

Einladung zur gemeinsamen Reflexion

Im Reflexionsclub geht es nicht darum, sich in einem vollen Terminkalender noch zusätzlich etwas aufzubürden, sondern Zeit für sich zu nehmen, hinzuschauen und darüber zu reflektieren, was uns zurzeit bewegt. Wir gewinnen Klarheit und entwickeln neue Strategien, was wir vielleicht in Zukunft bewusst weglassen können.

Wenn Dich diese Perspektive anspricht, findest Du alle Informationen zum Reflexionsclub hier: Reflexionsclub - Claudia Sprinz 

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