„Wozu soll ich das aufschreiben? Ich weiß doch, was ich denke!“ So oder ähnlich reagieren manche Menschen, wenn ich ihnen empfehle, ihre Gedanken schriftlich festzuhalten. Daher schauen wir uns im heutigen Blogbeitrag an, wieso schriftliche Reflexion sinnvoll ist.
Wir denken ständig nach
Wir beschäftigen uns täglich mit unserem Beruf, unseren Beziehungen, unseren Wünschen, Problemen und Zukunftsplänen. Wenn wir einmal nicht weiterwissen, reden wir mit vertrauten Menschen darüber. Warum sollten wir uns also zusätzlich hinsetzen und darüber schreiben?
Nachdenken, Reden und schriftliche Reflexion sind nicht dasselbe. Wer nur nachdenkt oder sich mit anderen austauscht, kann sich manchmal erheblich darin täuschen, wie gut sie oder er die eigenen Gedanken, Motive und Verhaltensweisen tatsächlich kennt. Wir kennen uns schließlich selbst. Wir wissen, was wir erlebt haben, was uns gefällt, was uns ärgert und welche Entscheidungen wir getroffen haben.
Zumindest glauben wir das, denn unser Gehirn liefert uns unentwegt plausible Erklärungen für unser Verhalten. Für vieles haben wir sofort eine Begründung parat: Warum wir etwas getan haben, weshalb wir jemanden sympathisch finden oder wieso wir bestimmte Entscheidungen für richtig halten.
Wer mich ein wenig kennt, wird vielleicht schon ahnen, was jetzt kommt: Eine plausible Erklärung bedeutet noch lange nicht, dass wir damit tatsächlich alle relevanten Zusammenhänge erkannt haben. Denn unser Gehirn nutzt gerne bequeme Abkürzungen und produziert uns scheinbar logische Begründungen, die bei näherer Betrachtung nicht ganz so schlüssig sind, wie sie uns vom Gehirn präsentiert werden.
Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Jemand sagt, er sei unzufrieden mit seiner beruflichen Situation. Was bedeutet das für diese Person? Ist die Arbeit langweilig? Sind die Aufgaben zu anspruchsvoll? Fehlt die Anerkennung? Gibt es Probleme mit Kolleginnen oder Kollegen? Wie steht es mit der oder dem Vorgesetzten? Oder haben sich vielleicht die persönlichen Interessen und Prioritäten verändert?
Solange wir uns mit der allgemeinen Feststellung zufriedengeben, bleibt vieles ungeklärt. Außerdem könnten mehrere häufige Denkfehler ins Spiel kommen. Diese sogenannten kognitiven Verzerrungen produziert unser Gehirn automatisch auf unbewusster Ebene. Schreiben kann uns dabei unterstützen, diesen Effekten auf die Schliche zu kommen.
In diesem Fall können gleich mehrere Denkfehler dahinterstecken, wie der Bias Blind Spot, der Bestätigungsfehler, der Straußeneffekt oder auch die Vernachlässigung der Opportunitätskosten. Erst wenn wir uns hinsetzen und schriftlich darüber reflektieren, können wir erkennen, worum es tatsächlich geht.
Warum Gespräche nicht immer weiterhelfen
Wenn uns etwas beschäftigt, sprechen wir häufig mit Menschen darüber, die uns nahestehen. Das ist grundsätzlich eine gute Sache. Partnerin oder Partner, Familienmitglieder oder liebe Menschen aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis können uns bei offenen Fragen unterstützen, Erfahrungen teilen und uns auf neue Gedanken bringen.
Allerdings gibt es dabei zu beachten, dass wir häufig mit Menschen Zeit verbringen, die uns in bestimmten Bereichen ähnlich sind. Wir teilen mit ihnen Interessen, Werte, Ansichten oder Erfahrungen. Wenn ich mich über eine Situation ärgere und mit einer guten Freundin darüber spreche, die meine Sichtweise teilt, werde ich möglicherweise Zustimmung erhalten. Warum auch nicht? Es fühlt sich gut an und sie bestätigt meine Wahrnehmung.
Bedeutet das automatisch, dass ich die Situation jetzt besser verstanden habe? Nicht immer. Möglicherweise haben wir beide dieselben Annahmen übernommen. Vielleicht übersehen wir beide einen wichtigen Aspekt. Möglicherweise erzählt mir meine Freundin genau das, was ich ohnehin bereits denke. Dabei kann ein Teil dessen, was für diese Geschichte wichtig ist, übersehen werden.
Was beim Schreiben anders ist
Schreiben unterstützt uns dabei, unsere Gedanken ohne die unmittelbaren Reaktionen anderer Menschen zu betrachten. Dabei unterbricht niemand unseren Gedankenfluss. Es gibt zunächst weder Zustimmung noch Ablehnung. Wir müssen weder jemanden überzeugen, noch unsere Sichtweise verteidigen, sondern schreiben zuerst einfach auf, was uns gerade beschäftigt.
Dabei geschieht etwas Interessantes: Sobald wir unsere Gedanken in Worte fassen wollen, um diese zu Papier zu bringen, bemerken wir mitunter, dass sie gar nicht so klar sind, wie wir ursprünglich angenommen haben. Ein Gedanke kann uns im Kopf vollkommen logisch erscheinen. Sobald wir ihn aufschreiben, tauchen plötzlich Fragen auf.
Was meine ich damit wirklich? Warum glaube ich das? Woher weiß ich das? Habe ich selbst diese Erfahrung gemacht oder lediglich etwas übernommen, das andere behaupten? Gelegentlich zeigt sich auch, dass wir zwei Dinge miteinander vermischen, die gar nichts miteinander zu tun haben. Außerdem entdecken wir manchmal einen Zusammenhang, den wir zuvor überhaupt nicht gesehen haben.
Deshalb betrachte ich Schreiben nicht bloß als eine Möglichkeit, bereits vorhandene Gedanken zu dokumentieren. Es ist für mich auch eine Methode, um allein durch die Verschriftlichung neue Erkenntnisse zu gewinnen, die nahezu automatisch entstehen, sobald die aktuellen Gedanken festgehalten wurden.
Die eigenen Überzeugungen hinterfragen
In meiner YouTube-Reihe habe ich bereits zahlreiche kognitive Verzerrungen vorgestellt. Eine davon ist der bereits oben erwähnte Bestätigungsfehler, auch Confirmation Bias genannt. Dabei neigen wir dazu, Informationen bevorzugt wahrzunehmen oder zu berücksichtigen, die unsere bestehenden Überzeugungen bestätigen.
Das betrifft nicht nur unsere Ansichten über Politik, Wirtschaft oder gesellschaftliche Entwicklungen, sondern auch unsere Vorstellungen über uns selbst. Vielleicht halten wir uns für besonders ungeduldig, weil wir uns an Situationen erinnern, in denen wir tatsächlich ungeduldig reagiert haben.
Vielleicht glauben wir, bestimmte Dinge grundsätzlich nicht zu können, weil wir irgendwann einmal schlechte Erfahrungen damit gemacht haben. Genau solche Überzeugungen können unser weiteres Verhalten beeinflussen.
Wenn wir hingegen schriftlich reflektieren, können wir solche Einschätzungen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Vielleicht war das früher so und trifft jetzt nicht mehr zu.
War ich wirklich immer ungeduldig? Gibt es Situationen, in denen ich ausgesprochen geduldig bin? Was unterscheidet diese Situationen voneinander? Schon durch solche oder ähnliche Fragen können neue Perspektiven entstehen.
Ein Blick in die Vergangenheit
Ein weiterer Vorteil schriftlicher Reflexion wird leider besonders häufig übersehen. Was wir aufgeschrieben haben, können wir später wieder lesen. Unsere Erinnerungen sind nämlich keine zuverlässigen Aufzeichnungen vergangener Ereignisse. Wir vergessen Dinge, bewerten Erfahrungen im Nachhinein anders und erinnern uns häufig bevorzugt an bestimmte Aspekte.
Wenn wir hingegen vor einigen Monaten oder Jahren festgehalten haben, was uns damals beschäftigt hat, erhalten wir einen Einblick in unsere damalige Gedankenwelt. Wir können nachlesen, welche Ziele wir hatten, welche Entscheidungen uns schwergefallen sind und welche Befürchtungen oder Erwartungen uns begleitet haben. Vielleicht entdecken wir auch, dass uns bestimmte Themen schon seit Jahren beschäftigen.
Nachdem ich schon seit vielen Jahren schreibe, kann ich aus Erfahrung berichten, dass ich viele Dinge mittlerweile vollkommen anders sehe. Auch im Schreibgeflüster-Podcast hatte ich schon mehrere Personen zu Gast, die ähnliche Erfahrungen geteilt haben.
Für mich ist das besonders interessant, weil persönliche Entwicklung nicht nur darin besteht, Neues zu lernen. Manchmal geht es auch darum, alte Überzeugungen loszulassen, die uns nicht mehr weiterhelfen. Wie wollen wir erkennen, was sich verändert hat, wenn wir gar nicht mehr wissen, was wir früher gedacht haben?
Es geht einfach
Wenn ich von schriftlicher Reflexion spreche, meine ich übrigens nicht, dass Du täglich stundenlang Tagebuch schreiben oder seitenlange Abhandlungen über Dein Innenleben verfassen musst. Manchmal reichen bereits wenige Minuten. Inspiration dazu findest Du auf meinem YouTube-Kanal bei den Videos zu den Denkfehlern sowie auf diesem Blog. Nachfolgend gibt es einen sofort umsetzbaren Schreibtipp:
Vorhin schrieb ich über eine Person, die mit ihrem Beruf unzufrieden ist. Du könntest für diese Übung eine berufliche oder auch private Situation aufgreifen, die Dich in letzter Zeit beschäftigt hat, und drei Fragen schriftlich beantworten:
- Was ist tatsächlich passiert?
- Was denke ich darüber und warum?
- Gibt es etwas, das ich bisher nicht berücksichtigt habe?
Du musst dabei nicht sofort zu einem Ergebnis kommen. Manchmal entwickeln sich während des Schreibens oder auch erst danach weitere Gedanken und Fragen, auf die Du vorher gar nicht gekommen wärst. Darin liegt für mich ein weiterer Nutzen schriftlicher Reflexion.
Schreiben unterstützt uns dabei, uns bewusst Zeit zu nehmen, unsere Gedanken näher zu betrachten, statt uns ausschließlich auf unsere spontanen Einschätzungen zu verlassen.
Manchmal entsteht daraus Klarheit über eine Entscheidung. Gelegentlich erkennen wir eigene Verhaltensmuster. Bisweilen entdecken wir etwas, das wir über uns selbst bisher noch gar nicht wussten.
Vielleicht wird schriftliche Reflexion gerade deshalb unterschätzt, weil viele Menschen glauben, sie wüssten ohnehin schon, was sie denken. Woher wissen wir das, wenn wir es noch nie genauer untersucht haben?
Wenn Du gemeinsam mit anderen handschriftlich reflektieren möchtest, könnte mein Reflexionsclub für Dich interessant sein. Dort gibt es Anregungen zur schriftlichen Selbstbeobachtung und Selbstreflexion und hinterher optional die Möglichkeit, sich mit anderen darüber auszutauschen.