Den Begriff „Lernen“ verbinden viele Menschen mit Ausbildung oder Prüfung. Manche denken dabei an Bücher oder neue Fähigkeiten, die sie sich bewusst aneignen. Doch Lernen beginnt bereits mit unserem ersten Atemzug. Auch später lernen wir ständig weiter, ohne es überhaupt zu bemerken. Darum wird es in diesem Blogbeitrag gehen.
Wir beobachten von Beginn an
Bereits im Mutterleib lauschen wir Geräuschen und Stimmen. Nach unserer Geburt verstehen wir zwar nicht, was die Menschen rund um uns sagen. Trotzdem hören wir, ob eine Stimme ruhig oder angespannt klingt.
Als Säugling besuchen wir keinen Kurs und wir lesen auch kein Lehrbuch. Trotzdem lernen wir jeden Tag. Ähnlich wie Hundewelpen, Kätzchen oder Fohlen lernen wir durch Beobachtung unserer Mutter und anderer wichtigen Bezugspersonen.
Wir beginnen, Gesichtsausdrücke und Bewegungen zu erkennen und zu wissen, wer vertraute Personen sind. Früh bemerken wir auch, wie Menschen auf uns reagieren. Was passiert, wenn wir weinen, lächeln oder nach etwas greifen?
Wir beginnen, Laute nachzuahmen und sehen, wie andere essen, gehen, sprechen oder mit Gegenständen umgehen und versuchen, das Gesehene nachzumachen. Manche Versuche funktionieren sofort, bei anderen braucht es mehrere Anläufe. Wir lernen lange durch Beobachtung und Nachahmung enger Bezugspersonen, bevor uns jemand bewusst etwas beibringt.
Auch als Erwachsene schauen wir anderen zu. Warum lieben es Menschen, Filme oder Videos zu allen nur erdenklichen Themen anzusehen? Sie beobachten sie beim Kochen, wie sie ein technisches Problem lösen, ein Gespräch führen oder eine schwierige Situation bewältigen. Dazu gleich mehr.
Aus den vielen Beobachtungen übernehmen wir mitunter unbewusst Einstellungen, Verhaltensweisen oder auch Handgriffe von anderen Menschen. Je häufiger wir etwas sehen, desto geläufiger wird es für uns. Nicht alles davon ist hilfreich. Auch ungünstige Reaktionen, Vorurteile oder Ängste können wir unbewusst von anderen Menschen übernehmen.
Geschichten begleiten uns
Schon als kleine Kinder hören wir Geschichten. Vielleicht schauen wir gemeinsam mit Geschwistern oder Erwachsenen Bilderbücher an. Es werden uns Geschichten vorgelesen oder Erwachsene erzählen uns, was an diesem Tag passiert ist.
Aus Geschichten können wir Erfahrungen kennenlernen, die wir selbst noch nie gemacht haben. Wir erfahren, wie eine Figur in bestimmten Situationen handelt und was daraus entstehen kann. Jemand hat Angst, trifft eine Entscheidung, etwas geht schief, eine andere Person hilft und am Ende geht alles gut aus oder auch nicht. Etliche Geschichten wie Märchen haben eine eindeutige Lektion.
Als Erwachsene begleiten uns Geschichten in Büchern, Filmen, Serien, Theaterstücken oder in Spielen. Wir beobachten, denken mit und ziehen daraus unsere Schlüsse. Selbst in vermeintlich logischen Sach- und Fachbüchern werden Geschichten eingesetzt, um theoretische Inhalte mit praktischen Beispielen nachvollziehen zu können.
Schreckgespenst Schulzeit
Für viele Menschen ist die Erinnerung an die Schulzeit mit Schrecken verbunden. Wenn man ihnen zuhört, ging es dabei gar nicht um die eigentlichen Lerninhalte, sondern darum, dass andere über sie bestimmt haben.
Lernen bedeutet für diese Menschen, dass ihnen jemand vorschreibt, dass sie sich sinnlose Dinge ohne praktischen Nutzen merken müssen. Oder dass sie Aufgaben, die kein Mensch benötigt, unnötig kompliziert lösen müssen. Danach werden sie von bösartigen Lehrkräften bewertet und im schlimmsten Fall auch bestraft, wenn es nicht ganz genau so abläuft, wie es sich diese Person vorgestellt hat.
Der schulische Drill früherer Zeiten sollte jungen Menschen nicht nur Wissen vermitteln, sondern sie auch an Gehorsam, Disziplin und Unterordnung gewöhnen. Diese Eigenschaften benötigte der Staat unter anderem für Militär, Verwaltung und Arbeitswelt. Leider waren und sind diese Methoden noch nicht völlig verschwunden. Sie sind für uns heute ein trauriges Mahnmal, wie durch sinnentleerte Pflicht und Zwang kindliche Neugier stark reduziert werden kann.
Es gibt natürlich auch positive Erinnerungen an die Schulzeit: Lehrpersonal, das sich wirklich bemüht, uns etwas Wichtiges und Sinnvolles fürs Leben mitzugeben. Wir entdecken neue spannende Wissensgebiete und entwickeln wertvolle Fähigkeiten, die uns später noch nützlich sind. Nicht zu vergessen, Freundschaften mit anderen Kindern, die während der Schulzeit entstanden sind und uns heute noch begleiten.
Vielfältige Lernformate
Nach der Schulzeit sind etliche Menschen erleichtert. Dabei verschwindet nur der Stundenplan. Auch wenn es uns nicht bewusst ist, hören wir nicht auf zu lernen. Denn im Unterschied zur Schule können wir nun häufiger selbst entscheiden, womit wir uns beschäftigen.
Manche Menschen beginnen wieder freiwillig zu lesen, obwohl sie während ihrer Schulzeit jedes Buch gehasst haben. Andere besuchen ein Seminar an einer Volkshochschule oder buchen Online-Kurse, hören Podcasts, sehen sich Videos an oder bringen sich eine Fähigkeit selbst bei. Aus früher angeordneten Pflicht kann schrittweise wieder selbst gewähltes Lernen werden.
Wir erlernen später hoffentlich einen Beruf, der uns Freude bereitet. Zwischenmenschliche Beziehungen ermöglichen nahezu unendliches Lernen, sei es durch Gespräche, durch unsere Fehler oder weil wir vor einem Problem stehen, das wir bisher noch nie lösen mussten.
Neben den Erfahrungen und Erkenntnissen im Alltag, spielen Medien für unsere Lernerfahrungen als Erwachsene eine wichtige Rolle. Wir werden vermutlich nicht wie seinerzeit in der Kindheit jeden Abend zum Einschlafen eine Gutenachtgeschichte hören. Etliche Menschen schauen Videos, vielleicht einen Film, eine Serie oder anderes unterhaltsames Format. Manche lieben Computerspiele und dann gibt es viele, die Social Media nutzen. All das kann ebenfalls unseren Horizont erweitern, auch wenn einige dieser Formate verpönt sind.
Mir ist schon mehrfach aufgefallen, dass sich etliche Leute damit brüsten, in ihrer Freizeit ausschließlich Sach- und Fachbücher zu lesen. In Social Media wird sogar damit geprahlt, wie viele Bücher sie in einem bestimmten Zeitraum gelesen haben.
Was dabei jedoch nicht erwähnt wird: Ein Format ist nicht unbedingt ein Garant für Qualität. Es gibt Sachbücher, die nur oberflächliche Binsenweisheiten enthalten oder längst überholtes Wissen verbreiten. Auch eine angeblich neutrale Dokumentationsendung im öffentlich-rechtlichen TV kann einseitige Meinungen vertreten. Umgekehrt sind unterhaltsame Formate wie die obigen nicht automatisch minderwertig.
Viele Content Creator in Social Media bemühen sich, ihrem Publikum aktuelles Wissen zu ihrem Thema zu vermitteln. Im Zuge meiner Bachelor-Arbeit, die ich für mein Multimedia Studium seinerzeit zu digitalen Spielen geschrieben habe, fand ich heraus, dass wir bei komplexen Computerspielen zahlreiche Fähigkeiten entwickeln, die für andere Lebensbereiche nützlich sein können, wie strategisches Denken, Forschergeist oder soziale Fähigkeiten.
Auch bei einem vermeintlich rein unterhaltsamen Sportereignis lassen sich Strategien, Zusammenarbeit und der Umgang mit Druck beobachten. Es gibt auch Shows über Firmengründungen. Dort könnten Selbstständige lernen, wie Menschen eine Idee erklären, Risiken einschätzen oder Verhandlungen führen. Selbst die von vielen Leuten verpönten Reality-Shows können uns interessante Einblicke in Gruppendynamik, Konkurrenz, Selbstinszenierung oder den Umgang mit Konflikten bieten.
Wir lernen auch Unsinn
Gleichzeitig möchte ich darauf hinweisen, dass unser Gehirn auch Vorurteile, Klischees und falsche Informationen übernimmt. Sonst würde es nicht dazu kommen, dass Bücher, die ich übrigens sehr schätze, von vielen Leuten hochgepriesen werden. Filme und Serien werden differenzierter betrachtet, jedoch neuere Medienformate wie Games oder Social Media werden von vielen automatisch als minderwertig abgelehnt. Wenn wir dieselben falschen Behauptungen immer und immer wieder hören, erscheinen sie uns eines Tages vertraut. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie richtig sind.
Natürlich gibt es auch Schattenseiten: Fake News, Propaganda und gezielte Provokationen verschwinden nicht automatisch wieder aus unserem Kopf, nur weil wir sie beiläufig wahrgenommen haben. Sie können beeinflussen, welche Begriffe wir verwenden, welche Zusammenhänge wir vermuten und was uns normal erscheint.
Auch unser Umfeld prägt uns. Wenn Menschen rund um uns ständig über bestimmte Themen oder Gruppen abfällig sprechen, Probleme oder jede neue Idee lächerlich machen und wir solche Botschaften immer wieder hören, ist dies ebenso einprägsam. Vielleicht übernehmen wir sie oder vielleicht wehren wir uns dagegen. In beiden Fällen beschäftigen wir uns mit ihnen. Wir lernen somit nicht nur durch das, was wir bewusst auswählen. Wir lernen ebenso durch Situationen, denen wir regelmäßig ausgesetzt sind.
Was bieten wir unserem Gehirn an?
Wenn wir ohnehin ständig lernen, könnten wir gelegentlich darauf achten, womit wir uns beschäftigen. Schreiben bietet uns die Möglichkeit, darüber zu reflektieren, wo und wie wir lernen. Wir könnten uns die folgenden Fragen schriftlich beantworten:
- Welche Menschen hören wir häufig?
- Welche Geschichten begleiten uns?
- Welche Inhalte lesen, sehen oder hören wir immer wieder?
- Welche Tätigkeiten üben wir?
- Welche Gedanken wiederholen wir?
Dadurch erkennen wir, was für uns wirklich bedeutend ist und was wir getrost weglassen können.
Fazit
Wir lernen bereits vor unserer Geburt und hören unser ganzes Leben nicht mehr damit auf. Von den ersten Bezugspersonen über Geschichten, die Schulzeit bis zum beruflichen Lernen und dem Erlernen neuer Fertigkeiten für ein neues Hobby. Was wir unserem Gehirn regelmäßig anbieten, prägt uns. Schreiben unterstützt uns dabei, über unsere Lernerfahrungen zu reflektieren und damit herauszufinden, was uns weiter bringt und was wir kritisch sehen könnten.
Wenn Du unter Anleitung starten möchtest, könnte mein Reflexionsclub für Dich interessant sein. Dort gibt es Anregungen zur schriftlichen Selbstbeobachtung und Selbstreflexion, die Möglichkeit, mir Fragen zu stellen oder Dich optional mit anderen auszutauschen.