7.7.24

Drei Schreibmythen entlarvt

Wenn ich mit Personen über das Schreiben spreche, fällt mir immer wieder auf, dass viele von ihnen vollkommen falsche Vorstellungen darüber haben. Daher werden wir im heutigen Blogbeitrag die drei größten Schreibirrtümer unter die Lupe nehmen. Sie sind nicht nur wirklichkeitsfremd, sondern reduzieren auch die Kreativität. 

Wir starten mit einem der häufigsten Schreibirrtümer, der mir am häufigsten begegnet und sich leider besonders hartnäckig hält:

1. Ich habe kein Schreibtalent oder: 
Ich kann nicht schreiben

Wie kommt man auf diese Idee, nicht schreiben zu können? Dieser Mythos ist nicht zufällig entstanden. Zumeist mussten Menschen, die diese Aussage von sich geben, in der Kindheit oder während der Schulzeit negative Aussagen über sich ergehen lassen. Bis sie es leider eines Tages selbst geglaubt haben. 

Dass solche Behauptungen pädagogisch fragwürdig sind, ist hoffentlich klar. Wer wie mit der Axt im Wald in den Kinderseelen herumfuhrwerkt, richtet Schäden unermesslichen Ausmaßes an, an die sich manche Menschen Jahrzehnte später immer noch bis ins Detail erinnern können. Anstelle ein Kind dermaßen negativ zu verurteilen, hätten Erwachsene ermutigend oder unterstützend sein können. 

Bedauerlicherweise können solche Vorfälle nicht mehr rückgängig gemacht werden. Was jedoch geändert werden kann, ist die Betrachtungsweise. Falls Du auch so jemand bist, dann wäre es wichtig, Dir vor Augen zu führen, dass Du in guter Gesellschaft bist. 

Von einigen berühmten Schriftstellerinnen und Schriftstellern wie Agatha Christie, Mark Twain oder J.K.Rowling wird berichtet, dass sie in der Schule schlecht beurteilt wurden. Was kannst Du davon lernen? Niemand von ihnen hat sich von ihrem oder seinem Weg abbringen lassen.

Das sagenumwobene „Talent“ entsteht nicht durch Geburt, über Nacht oder per Fingerschnippen, sondern durch Übung, Geduld und wertschätzendes Feedback. Kennst Du den Spruch: Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut? Dazu sind viele unterschiedliche Häuser notwendig. Ebenso ist es mit den Schreiben. 

Praxis-Tipp:

Mache es Dir zu Beginn ganz einfach. Ein Blatt Papier und ein Stift reichen völlig. Notiere Dir, was Dir gerade in den Sinn kommt, was Du beobachtet oder erlebt hast und praktiziere es jeden Tag. Im Laufe der Zeit wirst Du immer sicherer dabei werden. Es ist so ähnlich wie beim Radfahren lernen: Am Anfang bist Du noch wackelig unterwegs, später saust Du flott durch die Gegend. 

2. Das Inspirations-Märchen

Wie oft höre ich: „Ich würde gerne ein Buch schreiben, aber ich warte noch auf die perfekte Idee.“ Darauf kannst Du bis zum St. Nimmerleinstag warten. Zu hoffen, dass Dich irgendwann einmal die Muse küsst und Du eine aus Deiner Sicht bahnbrechende Idee hast, ist Zeitverschwendung. In Wahrheit fördert die regelmäßige Praxis Deine Kreativität und Produktivität beim Schreiben.

Die Vorstellung, dass Kreativität nur aus plötzlichen Geistesblitzen entsteht, ist weitverbreitet, aber irreführend. Tatsächlich sind viele großartige Werke nicht das Ergebnis eines einzigen Moments der Inspiration, sondern das Produkt kontinuierlicher Arbeit und Verbesserung. Von Stephen King ist bekannt, dass er eine tägliche Schreibroutine zu hat, unabhängig davon, ob er sich inspiriert fühlt oder nicht.

Ein weiterer Punkt ist, dass Ideen oft aus dem Schreiben selbst entstehen. Wenn Du regelmäßig schreibst, wirst Du feststellen, dass Deine Gedanken fließen und sich entwickeln. Neue Ideen können aus alltäglichen Beobachtungen, Gesprächen oder sogar aus anderen Geschichten entstehen, die Du liest. Deshalb ist es entscheidend, sich hinzusetzen und einfach zu beginnen, anstatt auf den perfekten Moment zu warten.

Praxis-Tipp:

Setze Dir ein tägliches Ziel, sei es eine bestimmte Anzahl von Seiten/Wörtern oder eine feste Zeitspanne. Das Wichtigste an dieser Übung ist die regelmäßige Durchführung und nicht das Ergebnis. Alleine durch die Umsetzung entstehen ganz automatisch neue Ideen. 

3. Es muss sofort passen

Der dritte verbreitete Irrtum lautet: Der erste Text muss sofort perfekt sein. Diese Vorstellung stammt zumeist aus der Schulzeit. Die Wahrheit ist jedoch, dass die erste Fassung nicht viel mehr als eine ausführlichere Notiz zu sein braucht. Sie dient nur dazu, Deine Gedanken zu Papier zu bringen oder Deine Ideen festzuhalten. Denke nur an die bildende Kunst. Viele Künstlerinnen und Künstler fertigen zuerst eine Skizze an, bevor sie das eigentliche Gemälde malen. 

Der Druck, gleich beim ersten Versuch alles richtig machen zu müssen, kann lähmend wirken, Deine Kreativität bremsen oder sogar abtöten. Wer möchte Dir vorschreiben, wie Du zu schreiben hast? Jede und jeder ist individuell unterschiedlich, somit entscheidest Du, wie Du schreiben möchtest. Der erste Entwurf ist nicht mehr als eine Rohfassung, die Dir erlaubt, Deine Gedanken frei und ohne Selbstzensur auszudrücken.

Ernest Hemingway oder Anne Lamott haben betont, wie wichtig es ist, sich von der Vorstellung eines perfekten ersten Entwurfs zu lösen. Hemingway soll gesagt haben: „Der erste Entwurf von irgendwas ist Bullshit.“ Lamott beschreibt in ihrem Buch „Bird by Bird“ den ersten Entwurf als „shitty first draft“ – ein notwendiger und wichtiger Schritt im Schreibprozess. Auch dieser Blogbeitrag ist nicht der erste Entwurf, sondern wurde mehrfach überarbeitet, bevor er online gegangen ist.

Praxis-Tipp:

Wenn Du Dich hinsetzt, um zu schreiben, erinnere Dich daran, dass es nicht um Perfektion geht. Erlaube Dir, Fehler zu machen und Dir Unvollkommenheit zu erlauben. Du wirst erstaunt sein, um wie viel kreativer und produktiver Du bist, sobald der Druck weg ist, gleich beim ersten Mal alles richtigzumachen. Später kannst Du Deinen Text in Ruhe überarbeiten und so lange verfeinern, bis Du mit dem Ergebnis zufrieden bist.

Fazit

Durch das Erkennen und Loslassen dieser Mythen wirst Du feststellen, dass Schreiben weder eine Frage von angeborenem Talent noch plötzlicher Eingebung ist, sondern vielmehr etwas, das Du durch Übung, Wiederholung, Geduld und den Mut, unvollkommen zu beginnen, entwickeln kannst.

Schau gerne auf meinen anderen Kanälen wie dem Schreibgeflüster Podcast, meinem YouTube-Kanal vorbei. Dort findest Du weitere Tipps und Inspirationen zur Vielfalt des Schreibens. Oder teile Deine Erfahrungen und Fortschritte, vielleicht hier in einem Kommentar unter diesem Beitrag oder gerne auch in meiner kostenlosen Facebook-Gruppe, wo Du auch Fragen zu diesem oder anderen Themen stellen kannst.

16.6.24

Schreiben für Ambivertierte

Ambi-was? Ambivertierte sind Menschen, die sowohl introvertierte als auch extravertierte Eigenschaften besitzen und je nach Situation dazwischen wechseln können. Sofern Du Dich soeben gefragt hast, was Ambiversion ist, bist Du nicht alleine. Auch mir war Ambiversion lange nicht bewusst, was mit meiner eigenen Persönlichkeit zu tun, worauf ich später noch näher eingehen werde. Daher geht es in diesem Blogbeitrag zuerst darum, was ambivertiert bedeutet und am Ende wird es Schreibtipps für Ambivertierte geben. Somit findest Du hier die Ergänzung der bisherigen Blogbeiträge zum Schreiben für Introvertierte und für Extravertierte.

Was ist Ambiversion?

Die Unterscheidung zwischen Extraversion und Introversion kommt ursprünglich aus dem Fünf-Faktoren-Modell oder dem sogenannten Big-Five-Modell aus der Persönlichkeitspsychologie. Das Big-Five-Modell habe ich bereits in der Podcast-Episode „Welche Merkmale bestimmen Deine Persönlichkeit?“ vorgestellt. Höre sie Dir bitte an, falls Du sie bisher noch nicht kennst. Nachfolgend ist eine Kurzfassung zu Introversion und Extraversion:

Introvertierte Menschen richten ihre Aufmerksamkeit gerne nach innen und schöpfen dabei Energie. Sie denken sorgfältig nach, bevor sie sprechen. Introvertierte blühen durch das Alleinsein auf und fühlen sich in kleineren, ruhigen oder vertrauten Gruppen wohl. Das ist wichtig zu wissen, weil Introversion fälschlicherweise häufig mit Schüchternheit verwechselt wird.

Als extravertiert, das umgangssprachlich auch als „extrovertiert“ bezeichnet wird, werden Menschen bezeichnet, die ihre Aufmerksamkeit nach außen richten und durch die Begegnung und den Austausch mit anderen Menschen Energie gewinnen. Für Extravertierte ist der soziale Austausch oft ein Quell der Energie und Inspiration. Sie blühen inmitten von Menschenansammlungen auf und bringen ihre Gedanken und Gefühle gerne mündlich zum Ausdruck.

Und die Ambivertierten? Das sind jene Menschen, die je nach Situation introvertiert oder extravertiert sein können. Diese Flexibilität ermöglicht es den Ambivertieren, sich an verschiedene Gegebenheiten anzupassen und sowohl die Ruhe als auch den Trubel zu schätzen.

Bin ich ambivertiert?

Neue Menschen kennenzulernen oder sympathische Leute zu treffen, hat mir schon immer Spaß gemacht. Ich komme schnell mit jemandem ins Gespräch und häufig fallen mir beim Austausch mit anderen Menschen gute Ideen ein. Daher dachte ich, dass ich extravertiert bin. 

Gleichzeitig kann ich mich stundenlang alleine beschäftigen und vermisse dabei niemanden. Das ist selbstverständlich für mich, sodass es mir gar nicht bewusst war. Als ich vor einiger Zeit meine alten Tagebücher ausgegraben habe, fiel es mir auf. Konnte es sein, dass ich vielleicht doch introvertierter bin als gedacht? Wenn man mir als Kind ein Buch in die Hand gedrückt hat, hörte oder sah man stundenlang nichts mehr von mir.

Ich wurde neugierig und begann zu recherchieren, habe aber nicht viele wissenschaftliche Quellen gefunden. Unlängst habe ich wieder einmal nachgeschaut und einen Artikel gefunden, der in „Spektrum der Wissenschaft – Die Woche“ erschienen ist. Hannah Schultheiss schrieb den Artikel „Sind wir nicht alle ein wenig ambivertiert?“, den ich sehr interessant fand. Er war einer der wenigen Beiträge zu diesem Thema, die Verweise auf wissenschaftliche Studien enthielt. Nachdem der Artikel öffentlich nicht verfügbar ist, fasse ich Dir nachfolgend die wesentlichen Fakten zusammen:

Wenig erforscht

Der Begriff „Ambiversion“ wurde erstmals 1923 vom US-Psychologen Edmund Smith erwähnt und tauchte später in den Persönlichkeitsmodellen des britischen Psychologen Hans Jürgen Eysenck wieder auf​​. Die Gruppe der Ambivertierten ist wissenschaftlich noch wenig untersucht, was so erklärt wird, dass sich die Forschung bevorzugt mit den Extremen beschäftigt hat. 

Früher beschäftigte sich die Psychologie primär mit psychischen Abweichungen oder Erkrankungen. Erst später entstand die positive Psychologie, wo sich unter anderem Martin Seligman mit den Einflussfaktoren rund um Glück und Wohlbefinden beschäftigte. 

Die Forschung zeigt, dass die Mehrheit der Menschen weder rein introvertiert noch extravertiert ist. Die meisten Menschen sind irgendwo dazwischen. Es erlaubt ihnen, ihre Verhaltensweisen an die jeweilige Situation anzupassen. Als ich das gelesen habe, gab es für mich ein großes Aha-Erlebnis.

Das war also der Grund, warum ich mich unter Menschen ebenso wohlfühle wie alleine. Studien zu Ambiversion sind, wie bereits erwähnt, bislang noch gering. Aktuell vermutet man, dass sich ambivertierte Menschen flexibel an verschiedene soziale Situationen anpassen können, was in vielen Bereichen Vorteile verschaffen soll​​. Das kam mir aus eigener Erfahrung bekannt vor.

Somit können Ambivertierte auch fürs Schreiben diese Flexibilität nutzen, was wir uns nachfolgend genauer anschauen werden.

Inspiration an vielen Orten

Wir wissen nun, dass Ambivertierte die einzigartige Fähigkeit haben, sich sowohl in ruhigen als auch in lebhaften Umgebungen wohlzufühlen. Als ambivertierte Person kannst Du diese Flexibilität natürlich fürs Schreiben nutzen, um den perfekten Ausgleich zu finden. Ziehe Dich an einen ruhigen Ort zurück, um in Deine innere Gedankenwelt zu versinken oder setze Dich zum Schreiben in ein Café, um die Energie und Inspiration der Umgebung zu nutzen.

Kombiniere Selbstreflexion und Kommunikation

Selbstbeobachtung und Selbstreflexion ermöglichen Dir, Deine innere Welt zu erkunden. Nutze ein Journal oder Tagebuch, um persönliche Erlebnisse oder Gefühle zu reflektieren. Du kannst sie auch dazu nutzen, um Deine Gedanken und Ideen mit anderen zu teilen: Wähle jene aus, die Dir besonders relevant erscheinen oder selbst gut gefallen. Gestalte daraus Beiträge für Social Media, schreibe Blogbeiträge oder Artikel für (Online) Medien. 

Auch für mich sind meine privaten Aufzeichnungen Sammlungen von Inspirationen, die ich hier, im Podcast oder auf meinem YouTube-Kanal mit der Öffentlichkeit teile. Dieser Blogbeitrag und viele andere Inhalte sind so entstanden. Die Balance zwischen privatem und öffentlichem Schreiben fördert sowohl Deine Selbstkenntnis und stärkt gleichzeitig Deine Fähigkeit, Dich klar und überzeugend auszudrücken.

Nutze Deine kreative Vielfalt

Ambivertierte haben oft Zugang zu einer Vielfalt kreativer Ideen, die sie beim Schreiben nutzen können. Sie könnten sich von ihrer introvertierten Seite inspirieren lassen, um detaillierte und durchdachte Geschichten zu entwickeln, während ihre extravertierte Seite ihnen hilft, lebendige und dynamische Charaktere und Dialoge zu erschaffen. Durch das Schreiben können sie ihre kreative Vielseitigkeit ausschöpfen.

Literarische Flexibilität

Probiere als ambivertierte Person verschiedene Schreibstile, Erzählperspektiven oder Genres aus, um herauszufinden, was Dir am meisten Freude bereitet. Ob Du Kurzgeschichten, Essays, Gedichte oder Romane schreibst, ist gleich. Die Vielfalt der Möglichkeiten erlaubt Dir, Deine kreativen Grenzen ständig zu erweitern und neue Ausdrucksformen für Dich zu entdecken.

Alleine oder gemeinsam schreiben

Sie können sowohl von der Ruhe des Schreibens alleine als auch von der Dynamik des Schreibens in einer Gruppe profitieren. Der Austausch mit anderen Schreibenden bietet ihnen wertvolles Feedback und neue Perspektiven, während das Alleinschreiben ihnen die notwendige Zeit und Stille gibt, ihre Gedanken zu ordnen und weiterzuentwickeln. Indem sie beide Methoden kombinieren, können sie ihre Schreibfähigkeiten kontinuierlich verbessern und inspirierende Verbindungen zu anderen knüpfen.

Ziele setzen und Routinen entwickeln

Da Ambivertierte sowohl introvertierte als auch extravertierte Fähigkeiten haben, könnten sie von strukturierten Schreibroutinen profitieren. Indem Du Dir klare Ziele setzt, könntest Du Deine Fortschritte messen und Dich selbst motivieren. Gleichzeitig solltest Du flexibel genug bleiben, um auf Deine wechselnden Bedürfnisse und Stimmungen einzugehen. Eine regelmäßige Schreibpraxis samt eigenem Schreibjournal könnte Dir dabei helfen, Deine Fähigkeiten zu schärfen und Deine kreative Energie produktiv zu nutzen.

Fazit

Ambivertierte haben das Potenzial, sich vielfältig zu artikulieren. Durch das Schreiben können sie ihre innere Welt erkunden, ihre Gedanken und Ideen mit anderen teilen und ihre kreative Vielseitigkeit entdecken. Gleich, ob sie sich in ruhigen Momenten des Alleinschreibens oder im Dialog mit anderen Schreibenden am wohlsten fühlen – Schreiben bietet ihnen auf jeden Fall eine wertvolle Möglichkeit, ihre einzigartige Persönlichkeit kennenzulernen, auszudrücken und weiterzuentwickeln.

Schau gerne auf meinen anderen Kanälen wie dem Schreibgeflüster Podcast, meinem YouTube-Kanal vorbei. Dort findest Du weitere Tipps und Inspirationen zur Vielfalt des Schreibens. Oder teile Deine Erfahrungen und Fortschritte, vielleicht hier in einem Kommentar unter diesem Beitrag oder gerne auch in meiner kostenlosen Facebook-Gruppe, wo Du auch Fragen zu diesem oder anderen Themen stellen kannst.

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