1.11.26

Das gruselige Vermeiden

Gruseln ist zu dieser Jahreszeit beliebt geworden. Während ich diesen Blogbeitrag schreibe, ist der 31. Oktober.  Heute werden sich viele Kinder und etliche Erwachsene als Vampire, Mumien, Zombies, Hexen, Monster, Gespenster oder Zauberer verkleiden. Auch in Büchern, Filmen und Serien begegnen uns mitunter Horden unheimlicher Gestalten, vor denen wir uns freiwillig fürchten.

Einer der bekanntesten Bösewichte der einschlägigen Literatur ist Lord Voldemort aus dem Harry-Potter-Universum. In dieser von J. K. Rowling erfundenen Welt ängstigen sich die Figuren so sehr vor ihm, dass sie nicht einmal seinen Namen aussprechen wollen. Stattdessen nennen sie ihn „Er, dessen Name nicht genannt werden darf“.

Was in einer beliebten Fantasygeschichte unterhaltsam ist, lässt sich allerdings auch im wirklichen Leben beobachten. Denn es gibt unangenehme Tatsachen, mit denen wir uns lieber nicht beschäftigen möchten. Manchmal gehen wir sogar so weit, dass darüber überhaupt nicht mehr gesprochen werden soll. Einige der dahinterliegenden psychologischen Mechanismen schauen wir uns heute an.

Lieber nicht hinschauen

Vielleicht hast Du eines meiner letzten YouTube-Videos gesehen oder schon einmal vom Straußeneffekt gehört. Darunter versteht man die Neigung, unangenehmen Informationen aus dem Weg zu gehen, obwohl diese für uns wichtig sein könnten.

Ich kannte jemanden, der seine Strom- und Heizungsrechnungen grundsätzlich nicht geöffnet hat. Eines Tages stand er vor einer Nachzahlung von 2.600 Euro. Natürlich wäre diese Nachzahlung nicht automatisch verschwunden, wenn er seine Rechnungen geöffnet hätte. Aber er hätte sich zumindest früher mit seiner finanziellen Situation auseinandersetzen können. 

Ähnliche Verhaltensweisen begegnen uns bei vielen anderen Menschen. Etliche Leute vermeiden es, ihre Kreditkartenrechnungen oder Kontoauszüge anzuschauen. Der Straußeneffekt betrifft nicht nur die finanzielle Lage, sondern auch andere Lebensbereiche. Andere schieben unangenehme berufliche Entscheidungen vor sich her. Wieder andere beschäftigen sich nicht näher mit ungesunden Gewohnheiten, obwohl sie längst festgestellt haben, dass diese ihnen nicht guttun.

Das kenne ich auch aus meiner Vergangenheit. Falls Du schon einige meiner Inhalte kennst, wirst Du vielleicht wissen, dass ich früher um 20 kg mehr wog. Beim Fernsehen aß ich nebenbei Chips oder habe Süßigkeiten in mich hineingestopft. Unlängst war ich darüber schockiert, als ich in einem meiner älteren Tagebücher gelesen habe, dass ich früher mitunter nachts gegessen habe. Das hatte ich mittlerweile völlig vergessen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Nicht jede ungünstige Gewohnheit hat mit dem Straußeneffekt zu tun. Entscheidend dabei ist vielmehr, ob wir die Auseinandersetzung mit relevanten Informationen vermeiden.

Außerdem gibt es erschwerende Umstände. Wenn etwa ein alleinerziehender Elternteil aufgrund gestiegener Lebenshaltungskosten kaum Geld sparen kann, ist das kein psychologisches Problem. Auch müssen wir unterscheiden, ob jemand eine Situation verändern könnte oder ob äußere Umstände eine Veränderung erschweren. Interessant wird es dort, wo wir zwar Handlungsmöglichkeiten hätten, uns aber lieber nicht näher damit beschäftigen wollen.

Nicht mehr sprechen dürfen


Jetzt hat Lord Voldemort seinen Auftritt. Der nach ihm benannte Voldemort-Effekt ist kein Bias, also ein automatischer Denkfehler wie der Straußeneffekt, und auch kein einheitlich definierter psychologischer Effekt. Der Begriff wird in unterschiedlichen Zusammenhängen als Metapher verwendet, unter anderem für die Vermeidung bestimmter Wörter oder das Verschweigen unangenehmer Themen.

Eine mögliche Steigerung des Straußeneffekts besteht darin, dass wir nicht nur selbst wegsehen, sondern eines Tages auch verhindern möchten, dass andere ein Problem ansprechen.

Das lässt sich beispielsweise in Beziehungen beobachten. Vielleicht kennst Du ein Paar, bei dem den meisten Außenstehenden längst auffällt, dass die Beziehung nicht mehr funktioniert. Die Beteiligten leben weiterhin miteinander, unternehmen aber nichts, um ihre Situation zu verändern. Möglicherweise sprechen sie nicht einmal darüber.

Ähnliches kann in Familien oder Unternehmen passieren, wenn ein Problem seit Langem bekannt ist. Die Zusammenarbeit funktioniert nicht, Konflikte schwelen oder wichtige Entscheidungen werden hinausgeschoben. Trotzdem wird das Thema von niemandem angesprochen. Wer es schließlich doch tut, gilt möglicherweise als unangenehm, schwierig oder illoyal. Irgendwann  möchte keiner mehr etwas sagen. Alle Beteiligten wissen längst, welche Themen besser vermieden werden. Das Problem geht allerdings nicht weg.

Beim Schreiben dieses Beitrags wäre ich fast selbst auf den Voldemort-Effekt hineingefallen und habe überlegt, ob ich die folgende Geschichte lieber weglassen soll. Ich habe mich dagegen entschieden. Vor rund einem Jahr erzählte mir eine Bekannte von einer Freundin. Es ging um häusliche Gewalt innerhalb einer Familie. Als das Opfer gerichtlich dagegen vorgehen wollte, reagierten die Angehörigen ganz anders als erwartet. Obwohl sie seit Jahren von der Gewalt wussten, gab es keine Unterstützung für das Opfer, sondern sie wollten sie davon abhalten. Ich habe meiner Bekannten empfohlen, ihre Freundin über die Gewaltschutzzentren zu informieren. Das sind gesetzlich anerkannte Einrichtungen, die in Österreich allen Betroffenen häuslicher Gewalt kostenlos zur Verfügung stehen.

Wenn Tatsachen zu persönlichen Angriffen werden

Das war jetzt ein besonders tragisches Beispiel dafür, wie weit manche Menschen gehen, damit bestimmte Dinge nicht zur Sprache kommen. Aber auch bei anderen Themen gibt es solche Reaktionen. Wenn jemand auf die gesundheitlichen Risiken von Rauchen oder Adipositas hinweist, fühlen sich mitunter die jeweiligen Menschen angegriffen.

Dabei ist es ein großer Unterschied, ob wir sachlich über Risiken sprechen oder ob wir Menschen aufgrund ihres Verhaltens, ihrer Gewohnheiten oder ihres Körpers herabsetzen. Nicht jede unangenehme Tatsache ist eine persönliche Abwertung. Gleichzeitig wird eine abwertende Aussage nicht dadurch sachlich, weil jemand behauptet, die Wahrheit auszusprechen.

Bei meiner Recherche zum Voldemort-Effekt bin ich auf eine wissenschaftliche Untersuchung gestoßen. Die Forschenden untersuchten die Überschriften und Zusammenfassungen von medizinischen Studien. Dabei stellten sie fest, dass ein bestimmter gesundheitlicher Risikofaktor nur selten ausdrücklich genannt wurde. Stattdessen wurde häufig die schützende Wirkung einer Alternative hervorgehoben. Die wissenschaftlichen Ergebnisse ändern sich dadurch nicht, aber die Art der Formulierung kann beeinflussen, wie wir sie wahrnehmen. Dabei tauchte bei mir die Frage auf: Reagieren wir auf den tatsächlichen Inhalt einer Aussage oder darauf, wie etwas formuliert wird?

Vermeiden unangenehmer Tatsachen


Vielleicht möchten wir unangenehme Konsequenzen vermeiden. Eventuell haben wir uns an eine bestimmte Situation gewöhnt. Möglicherweise müssten wir unser bisheriges Verhalten ändern oder eine Überzeugung hinterfragen, die uns eine Weile begleitet. Vielleicht haben wir andere Prioritäten.

Außerdem können wir uns unser Verhalten häufig logisch erklären, wieso wir das Auto noch nicht zum Service gebracht haben, schon länger nicht mehr bei einer Vorsorgeuntersuchung waren oder uns bei gewissen Verwandten nicht gemeldet haben. Wir finden zahllose Gründe, warum wir eine Entscheidung noch nicht getroffen haben, bestimmte Gewohnheiten beibehalten oder es gerade nicht der richtige Zeitpunkt ist, etwas anzusprechen.

Wenn wir uns nicht mit einer Sache auseinandersetzen möchten, werden wir möglicherweise auch keine Informationen suchen, die uns zum Umdenken bringen könnten. Wenn wir eines Tages selbst nicht mehr hören möchten, was andere dazu sagen, wird aus einer persönlichen Vermeidungsstrategie möglicherweise ein Thema, über das niemand mehr offen sprechen kann.

Was willst Du lieber nicht wissen?

Bei anderen Menschen fallen uns solche Verhaltensweisen oft schneller auf als bei uns selbst. Wir erkennen, dass jemand ein Problem ignoriert, eine unangenehme Entscheidung hinauszögert oder sich eine Situation schönredet. Aber wie sieht es bei uns selbst aus?

Vielleicht gibt es etwas, das uns schon länger beschäftigt. Vielleicht haben wir uns an eine Situation gewöhnt, obwohl wir mit ihr nicht zufrieden sind. Oder wir reagieren bei bestimmten Themen sofort emotional, ohne uns näher mit dem Inhalt einer Aussage zu beschäftigen. Daher gibt es auch heute für Dich eine Schreibübung, die Du sofort umsetzen kannst und sie benötigt nur wenige Minuten, ein Blatt Papier und einen Stift. Rechtschreibung oder Grammatik sind dafür nicht erforderlich.

Beantworte bitte die folgenden Fragen möglichst spontan und schriftlich, entweder in ganzen Sätzen oder in Stichworten:

  • Womit möchte ich mich zurzeit nicht beschäftigen?
  • Bei welchen Themen reagiere ich besonders sensibel? 
  • Was sollen andere Menschen in meiner Gegenwart möglichst nicht ansprechen?

Vielleicht fällt Dir im Moment nichts ein oder Du vermeidest es auch, darüber nachzudenken. Vielleicht gibt es im Moment kein Thema, das macht nichts. Möglicherweise fällt Dir erst später eines ein, über das Du bisher nicht nachgedacht hast.

Im Gegensatz zu den ausgedachten Schreckgestalten in Büchern, in Filmen oder den gruseligen Kostümen zu Halloween verschwinden reale Probleme nicht einfach, wenn wir das Buch weglegen, den Film ausschalten oder das Kostüm wieder ausziehen. 

Falls Du gemeinsam mit anderen handschriftlich reflektieren möchtest, könnte mein Reflexionsclub für Dich interessant sein. Dort gibt es Anregungen zur schriftlichen Selbstbeobachtung und Selbstreflexion und hinterher optional die Möglichkeit, sich mit anderen darüber auszutauschen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Empfohlene Posts

Das gruselige Vermeiden

Gruseln ist zu dieser Jahreszeit beliebt geworden. Während ich diesen Blogbeitrag schreibe, ist der 31. Oktober.  Heute werden sich viele Ki...

Beliebte Posts