Sobald jemand sichtbar etwas umsetzt, tauchen mitunter Menschen auf, die erklären, dass sie etwas Ähnliches ebenfalls schon lange vorhatten. Wer Bücher schreibt, Bilder malt, Musik macht, regelmäßig Sport treibt, Vorträge hält, ein Unternehmen aufbaut oder auf andere Weise etwas erschafft, kennt vielleicht ähnliche Kommentare von Dritten.
Falls Du mir schon eine Weile folgst, wird Dir eventuell meine Version bereits geläufig sein, da ich sie gerne zitiere. Sobald ich sage, was ich mache, höre ich regelmäßig: „Ich wollte auch seit Längerem ein Buch schreiben.“ Allerdings folgt auf meine Frage, ob die Person damit schon angefangen habe, zumeist die Antwort, man habe bislang keine Gelegenheit gehabt oder keine Zeit gefunden.
Das ist natürlich eine gängige Ausrede. Wenn es wirklich so locker wäre, gäbe es zumindest einen Anfang, einen Entwurf, ein Konzept oder einen anderen sichtbaren Hinweis darauf. Der bloßen Vorstellung wären erste Schritte in die Umsetzung gefolgt.
Zwischen „Das wollte ich auch schon lange machen“ und „Ich habe es tatsächlich gemacht“ liegt mehr als ein bisschen Zeit oder die passende Gelegenheit. Genau diesen Prozess, der von außen oft unterschätzt wird, werden wir uns im heutigen Blogbeitrag näher anschauen.
Als Grundlage dieses Prozesses eignet sich die 4-C-Formel (The 4 C's Formula: Your building blocks of growth: commitment, courage, capability, and confidence) von Dan Sullivan, die ich Dir gerne nachfolgend vorstellen möchte. Dan Sullivan ist ein bekannter Autor und Business Coach, der die 4-C-Formel entwickelt hat. Sullivan beschreibt im dazugehörigen Buch, wie Menschen Entwicklungsschritte zu einem echten Durchbruch machen können.
Die vier Cs stehen für:
- Commitment – Selbstverpflichtung
- Courage – Mut
- Capability – Können
- Confidence – Selbstvertrauen
Der entscheidende Punkt dabei ist die Reihenfolge. Viele Menschen glauben, sie müssten zuerst Selbstvertrauen haben, bevor sie etwas in Angriff nehmen. Sullivan schreibt, dass Selbstvertrauen erst am Ende als Folge dieses Prozesses entsteht. Diese Erfahrung habe ich auch gemacht, und wir schauen uns gleich die einzelnen Schritte an einem Beispiel an.
1. Commitment: Die Entscheidung, es wirklich zu tun
Stell Dir vor, Du möchtest ein Buch schreiben. Commitment bedeutet nicht, dass Du diese Idee nur sympathisch findest. Es bedeutet auch nicht, dass Du eines Tages vielleicht einmal ein Buch schreiben möchtest. Wie zuvor erläutert, kosten solche Gedanken wenig Aufwand und bleiben oft angenehm unverbindlich.
Commitment beginnt dort, wo aus einer vagen Vorstellung Verbindlichkeit entsteht. Sullivan beschreibt es so: Commitment entsteht, wenn Du es Dir selbst verkaufst. Du entscheidest Dich aktiv, indem Du zu Dir sagst: „Ich schreibe dieses Buch.“ Damit verändert sich sofort etwas. Plötzlich reicht es nicht mehr, über das Buch zu sprechen. Jetzt braucht es klare Prioritäten, Zeit zum Brainstormen und erste Entscheidungen darüber, was überhaupt in dieses Buch hinein soll, damit Deine ersten Seiten entstehen können.
Solange Dein Buch nur als Idee im Kopf existiert, kann es leicht und stimmig wirken. Sobald Du Dich jedoch ernsthaft festlegst, es tatsächlich zu schreiben, wird sichtbar, dass die bisherige Idee noch kein fertiges Werk ist.
2. Courage: Die unangenehme Phase nach der Entscheidung
Hier im Blog klingt Mut fast heroisch und deutlich schöner, als er sich in der Praxis zumeist anfühlt. Mut wird genau dann notwendig, wenn Du Dich bereits entschieden hast, aber noch nicht weißt, ob und wie Du es tatsächlich schaffen sollst.
Beim Schreiben Deines Buchs kann es bedeuten, dass Du Dich zwar dazu entschieden und damit begonnen hast, aber dann geht es los: Die Seiten schreiben sich nicht von selbst, weil es vielleicht bei der Struktur hakt, möglicherweise der Text phasenweise zu holprig wirkt, das Thema eventuell komplizierter als gedacht ist. Vielleicht tauchen darüber hinaus auch noch Zweifel auf, ob die eigene Idee überhaupt beim Publikum ankommen wird.
Das ist der Punkt, an dem viele Menschen gerne wieder in die Distanz zurückgehen würden. Dort war alles einfacher. In der Vorstellung war das Buch noch elegant, schlüssig und möglich. In der Umsetzung zeigt es seine Widerstände. Diese grausige Phase sieht man von außen nicht.
Niemand sieht aber die gelöschten Absätze, die Pausen, die Zweifel, die Überarbeitungen und jene Tage, an denen jemand trotzdem weitermacht, obwohl es sich gerade nicht leicht anfühlt.
Deshalb ist der Satz „Das wollte ich auch schon lange machen“ für mich oft so merkwürdig. Denn die innere Unruhe, die Zweifel und die Gedanken, alles am liebsten hinzuschmeißen, die in dieser Mutphase immer wieder auftauchen, auszuhalten und es trotzdem durchzuziehen, ist ein ähnliches Gefühl wie das Dranbleiben beim Sport. Man hat zwar keinen Bock drauf, aber man weiß, es gehört dazu und weiß, man muss nur lange genug durchhalten, bis endlich die dritte Phase kommt.
3. Capability: Können entsteht durch Umsetzung
Dan Sullivan schreibt, dass viele Menschen es häufig verwechseln. Sie glauben, sie müssten zuerst Fähigkeiten entwickeln, bevor sie mit der Umsetzung beginnen. Natürlich braucht es gewisse Grundlagen. Das gilt auch für ein Buch, das selten jemand völlig aus dem Nichts schreibt.
Allerdings entstehen die eigentlichen Fähigkeiten während des Schreibens. Das ist auch einer der Gründe, wieso es diesen Blog gibt. Einerseits profitierst Du davon und andererseits ist es für mich eine gute Übung. Die bloße Vorstellung oder jahrelang davon sprechen reicht jedenfalls nicht.
Während des Schreibens ist es wichtig, nicht sofort die Geduld zu verlieren, insbesondere beim ersten Entwurf. Aus meinen Podcast-Interviews weiß ich, dass viele Autorinnen und Autoren zu Beginn ungeduldig mit sich waren. Einige wollten bereits beim ersten Entwurf damit beginnen, sich zu korrigieren.
Solche Gedanken habe ich nicht. Ich weiß, dass in der Malerei erste Skizzen üblich sind. Beim Schreiben handhabe ich es ebenso. Daher halte ich mich nicht ewig damit auf, eine vermeintlich perfekte Formulierung zu finden, sondern schreibe einfach drauflos. Ich weiß, dass ich den Text zu einem späteren Zeitpunkt beliebig oft überarbeiten kann, wenn ich es möchte.
Ähnliche Erfahrungen habe ich mit Sport gemacht, wo es auch darum geht, einfach mal zu beginnen. Du kannst diese Methode 1:1 auf jede weitere Tätigkeit übertragen, bei der Können durch wiederholte Praxis entsteht.
4. Confidence: Wenn am Ende Selbstvertrauen entsteht
Je mehr Erfahrung Du in der praktischen Umsetzung sammelst, desto besser wird es. Du hast Entscheidungen getroffen, umgesetzt und siehst Deine Ergebnisse und merkst, dass es leichter und leichter geht, weil Du neue Fähigkeiten entwickelt hast. Nach der unguten Phase der Unsicherheit entsteht schrittweise Zuversicht.
Und dieser Stolz, den Du spürst, ist die Belohnung dafür, dass Du die unangenehme Phase der Unsicherheit ausgehalten, trotz des Selbstzweifels weitergemacht und in Können verwandelt hast. Ich liebe diese ruhige Zufriedenheit. Dieses Gefühl kann Dir niemand mehr nehmen. Es ist das Ergebnis Deiner persönlichen Erfahrung.
Jede Person, die etwas in die Realität umgesetzt hat, ist hinterher nicht nur erfahrener und hat mehr Können und Selbstvertrauen entwickelt als all die Kommentatoren, die vorschnell sagen: „Das wollte ich auch schon lange machen.“
Was wir daraus mitnehmen können
Möchtest Du über Deine Ziele nur nachdenken oder den Weg auch tatsächlich gehen? Die 4-C-Formel ist ein Buch von Dan Sullivan, das bei der Umsetzung zwischen Wunsch und Ergebnis eine wertvolle Hilfe sein kann.
Wenn Du gemeinsam mit anderen am Weg in die Umsetzung Deiner Ziele reflektieren möchtest, könnte mein Reflexionsclub für Dich interessant sein.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen