1.3.26

Wie Schreibvermeidung entstehen kann

Häufig höre ich von Erwachsenen: „Ich kann nicht schreiben, weil ich in der Schule auch schlecht in Deutsch war.“ Dieser Satz kann das Leben vieler Menschen nachhaltig beeinflussen. Dies betrifft nicht nur die Einschätzung der eigenen Kenntnisse in Rechtschreibung, Grammatik oder Stil, sondern hat vor allem mit negativen Erfahrungen und Erinnerungen zu tun, die mit dem Schreiben verbunden sind. Wie es dazu kommen kann, schauen wir uns im heutigen Blogbeitrag an.

Schreiben als Fehlerquelle 


In der Schule ist Schreiben über viele Jahre hinweg Pflicht. Texte werden von Lehrkräften gelesen, korrigiert, benotet und mit anderen verglichen. Dies ist Teil des Schulsystems in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Gleichzeitig wissen wir aus der Forschung, dass die Bewertung von Aufsätzen nie gänzlich objektiv ist. Verschiedene Personen können denselben Text unterschiedlich benoten. Hier habe ich Dir einen aktuellen Beitrag von 2024 verlinkt, der sich mit den Einflussfaktoren auf die Diagnosekompetenz (angehender) Lehrkräfte befasst.

Kinder können im Gegensatz zu uns Erwachsenen noch kaum zwischen Kritik an ihrer Person und Feedback zu ihren Aktivitäten unterscheiden. Dadurch entsteht unter Umständen ein verzerrtes Bild zur Bewertung ihrer schulischen Bemühungen. Viele Kinder beziehen negative Rückmeldungen auf ihre Person. Unser Gehirn ist keine neutrale Maschine und gewichtet Informationen nicht gleich.

Die Macht der Kritik 


Aus der Psychologie wissen wir, dass negative Rückmeldungen um ein Vielfaches stärker wirken als positive. Den sogenannten Negativitätseffekt habe ich bereits in einem meiner YouTube-Videos vorgestellt. Er sorgt dafür, dass uns eine einzelne kritische Bemerkung emotional stärker trifft als mehrere lobende Sätze.

Wenn ein Kind hört: „Inhaltlich gut, aber da sind wieder viele Fehler“, prägt sich hauptsächlich der zweite Teil ein. Wiederholt sich das mehrfach, kann beim Kind die Erwartung entstehen, dass mit Schreiben automatisch Fehlerhaftigkeit verbunden ist.

Wie Erwartungen die Wahrnehmung steuern


Hinzu kommt ein weiterer Mechanismus, den wir auch als Bestätigungsfehler oder Confirmation-Bias kennen, den ich ebenfalls bereits in einem YouTube-Video vorgestellt habe: Wir neigen dazu, das zu sehen, was wir erwarten. Wenn ein Kind einmal als „schwach im Schreiben“ gilt, werden zukünftige Fehler schneller bemerkt als gelungene Gedanken. Verbesserungen wirken wie Ausnahmen, nicht wie Entwicklung.

Auch das Kind selbst übernimmt diese Erwartung. Aus „Ich habe Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung“ wird schleichend „Ich kann das nicht.“ Erkennst Du den Unterschied? 

Wenn Kritik zur Identitätsfrage wird


Besonders belastend wird es, wenn Rückmeldungen nicht nur eine Aufgabe betreffen, sondern die Person. Sätze wie „Du bist unkonzentriert“ oder „Du kannst das einfach nicht“ greifen das Selbstbild des Kindes an. 

Derartige Zuschreibungen sind nicht förderlich, sondern bewirken genau das Gegenteil. Wenn mir solche Geschichten erzählt werden, frage ich mich immer, welche schulischen Erfahrungen jene Eltern oder Lehrkräfte gemacht haben, die Kindern so etwas sagen. Es wirkt auf mich, als hätten diese Erwachsenen ihre eigenen Kindheitserlebnisse verdrängt oder vergessen.

Denn alle Kinder sind dazu verpflichtet, Teil eines Schulsystems zu sein, in dem sie regelmäßig schreiben müssen. Ihre Texte sind öffentlich, vergleichbar und mit Noten verbunden. In dieser Phase entstehen häufig die ersten Vorstellungen der eigenen Schreibfähigkeit, und diese Bilder können erstaunlich langlebig sein.

Schreibvermeidung als Schutz


Wenn Schreiben immer wieder mit Anspannung und Kritik verknüpft wird, entsteht durch diese wiederholte Erfahrung Vermeidung. Das ist kein Zeichen von Faulheit, sondern ein verständlicher Schutzmechanismus. Wer etwas als unangenehm erlebt, meidet es.

In der Psychologie spricht man hier vom Effekt des bloßen Kontakts oder Mere-Exposure-Effect, den ich ebenfalls bereits in einem YouTube-Video vorgestellt habe. Wiederholte Erfahrungen prägen unsere emotionale Haltung zu einer Tätigkeit. Wird Schreiben immer wieder mit Kritik verbunden, entsteht Aversion. 

Dabei kann eine Negativspirale entstehen. Wer nicht schreibt, übt nicht und wer nicht übt, fühlt sich noch unsicherer. Die ursprüngliche Zuschreibung scheint sich zu bestätigen.

Tipps für Eltern und Lehrkräfte


Im Rahmen des 9. LRS-Kongresses gibt es zahlreiche Informationen und Tipps für Erwachsene, wie sie Kinder beim Lernen und bei der Entwicklung ihrer Schreibkompetenzen unterstützen können. 
Die Veranstalterin, Sabine Omarow, war bereits im Schreibgeflüster-Podcast zum Thema „Rechtschreibung lernen“ zu Gast. 

Beim LRS-Kongress spreche auch ich in einem Interview darüber, warum Schreiben keine Tätigkeit, sondern ein Lebensstil ist und warum es sinnvoll ist, Rechtschreibung und Ausdruck voneinander zu unterscheiden.

Schreiben neu erleben


Wenn Schreiben frei fließen darf, weil es nicht bewertet, sondern als persönliche Praxis genutzt wird, kann endlich eine neue Erfahrung entstehen, weil es das, was in uns vorgeht, Schwarz auf Weiß zu Papier bringt. Das handschriftliche Schreiben unterstützt uns dabei, unsere Gedanken zu ordnen, unsere Gefühle besser zu verstehen und unsere Erlebnisse zu reflektieren. 

Sowohl für Kinder als auch für Erwachsene ist Selbstreflexion durch Schreiben ein Abenteuer zur Entdeckung dessen, was sie innerlich bewegt: weg von alten Zuschreibungen hin zur leichtfüßigen Begegnung mit uns und unseren Eindrücken. Wird Schreiben als freier, selbstbestimmter Prozess erlebt, kann sich die negative emotionale Kopplung verändern. Durch bewusste Wiederholung lässt sich der Mere-Exposure-Effect bzw. Effekt des bloßen Kontakts zu unseren Gunsten nutzen.

Vielleicht ist es an der Zeit, den alten Satz „Ich kann nicht schreiben“ zu hinterfragen und eine neue Richtung einzuschlagen. Im Reflexionsclub gibt es Raum für Dich und Deine Gedanken, ganz ohne Rechtschreibung, Grammatik oder stilistische Vorgaben.

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