22.3.26

Neustart im Frühling

Nach dem heurigen, düster-nebligen Winter gab es in den letzten Wochen wieder Sonnenschein und steigende Temperaturen. Die Tage werden länger und die ersten Frühlingsblumen blühen. Viele Menschen haben das Gefühl, dass mit dem Frühling wieder Bewegung ins Leben kommt und vieles leichter wird.

Ähnlich wie zum Jahreswechsel entsteht in dieser Zeit bei manchen der Wunsch, etwas zu verändern. Das milde Wetter motiviert dazu, mehr ins Freie zu gehen, vielleicht wieder Sport zu treiben, ein Projekt zu beginnen oder eine alte Gewohnheit hinter sich zu lassen.

Doch auch diese Frühlingsmotivation verläuft häufig ähnlich wie die guten Vorsätze zu Neujahr wieder im Sand. Zu Beginn ist die Begeisterung hoch. Nach einiger Zeit kehrt der Alltag zurück und die guten Absichten geraten wieder in den Hintergrund.

Der Grund dafür liegt jedoch selten in mangelnder Disziplin. Häufig sind es blinde Flecken in unserem Denken, die wir kaum bemerken.

Unsere Aufmerksamkeit arbeitet nicht neutral

Unser Gehirn verteilt Aufmerksamkeit nicht gleichmäßig. Einige Dinge stechen sofort hervor, während andere kaum bemerkt werden.

Das zeigt sich besonders beim sogenannten Salience Bias oder bei der Aufmerksamkeitsverzerrung. Auffällige Ereignisse, Bilder oder Situationen ziehen unsere Aufmerksamkeit automatisch stärker an als dezente.

Genau deshalb erinnern wir uns oft besser an besonders markante Momente als an den eigentlichen Inhalt einer Situation. Wer dazu mehr wissen möchte, findet oben verlinkt ein eigenes Video auf meinem YouTube-Kanal zu diesem Denkfehler.

Wiederholung erzeugt Vertrautheit

Ein weiterer Mechanismus wirkt deutlich unauffälliger. Beim Mere-Exposure-Effekt genügt bereits der wiederholte Kontakt mit etwas, damit es uns vertrauter erscheint.

Allein das wiederholte Sehen, Hören oder Lesen bestimmter Inhalte kann dazu führen, dass wir sie zunehmend positiv bewerten. Dieser Effekt entsteht ganz automatisch und ohne bewusste Entscheidung.

Solche Wiederholungen prägen langfristig unsere Vorlieben und beeinflussen dadurch auch unsere Gewohnheiten.

Der unsichtbare Gegenspieler: das Unterlassen

Während auffällige Reize unsere Aufmerksamkeit anziehen, gibt es auch einen gegenteiligen Denkfehler. Beim sogenannten Omission Bias wirkt das Unterlassen weniger bedeutsam als aktives Tun. Was wir nicht tun, fühlt sich innerlich nicht wie eine Entscheidung an, obwohl es ebenfalls eine ist.

Genau deshalb übersehen wir oft, dass Veränderungen nicht nur dadurch entstehen, dass wir etwas Neues beginnen, sondern auch dadurch, dass wir etwas anderes bewusst weglassen oder beenden.

Warum unser Gehirn schnelle Reize bevorzugt

Zu diesen Mechanismen kommt noch eine weitere Besonderheit unseres Gehirns hinzu. Unser Belohnungssystem reagiert besonders stark auf kurzfristige Reize und schnelle Bestätigung. Solche Reize können in unserem Gehirn rasch Belohnungssignale auslösen und wirken deshalb besonders attraktiv.

Bereits vor der Erfindung der Schrift wurden am Lagerfeuer Sagen und Märchen erzählt, die vielen Menschen mit ihren Phantasiewelten eine Flucht aus ihrem harten Alltag ermöglichten.  

Aus der Antike wissen wir, dass die Politik die römische Wählerschaft mit kostenlosen Massenveranstaltungen zu ihren Gunsten beeinflussen wollte. Daher stammt der bekannte Ausspruch „panem et circenses“ (Brot und Zirkusspiele), um Menschen von der Realität abzulenken.

Dies setzte sich mit der Massenverbreitung von Zeitungen und Büchern fort, steigerte sich mit Kino, Radio und TV. Durch digitale Medien, Social Media und künstliche Intelligenz hat es sich jetzt noch einmal deutlich erhöht. Wenn wir all diese Medien kritisch betrachten, dienen sie oft nicht nur zum Informationsgewinn oder zur bereichernden Unterhaltung, sondern zur bloßen Ablenkung. 

Stundenlang durch Social Media zu scrollen, wochenlang jedes Detail von Prominenten zu verfolgen oder auch tagelang Serien zu schauen, an die man sich wenig später gar nicht mehr erinnern kann, sind vermutlich nicht die Aktivitäten, die unser Leben maßgeblich bereichern. Oder kannst Du Dir vorstellen, dass Du als betagte Person Deinen Urenkeln davon erzählen möchtest? Wahrscheinlich nicht.

Brain Candy

Dafür verwende ich den Begriff „Brain Candy“, angelehnt an die Idee von „Eye Candy“. Als „Eye Candy“ werden im englischsprachigen Raum Dinge bezeichnet, die visuell einladend wirken, aber wenig Tiefgang haben, wie seichte Unterhaltung, Design oder Websites. Für mich ist „Brain Candy“ etwas, das unsere Aufmerksamkeit schnell bindet, ohne dass es langfristig zu mehr Klarheit oder Erkenntnis beiträgt. 

Ähnlich wie viele Kinder automatisch zu bunten Bonbons greifen, wirken gewisse auffällige Inhalte magnetisch auf unser Gehirn. Süßigkeiten liefern zwar Energie, haben jedoch kaum Nährstoffe. Brain Candy bietet für unser Denken ebenso wenig kognitiven Nutzen, verbraucht aber trotzdem Aufmerksamkeit und mentale Energie. 

Auswirkungen auf das Gehirn

Neurowissenschaftliche Forschungen zeigen, dass sich unser Gehirn an das anpasst, wofür wir es nutzen. Dies nennt sich Neuroplastizität. Wer sein Gehirn gar nicht mehr fordert, sondern nur noch seichte Inhalte konsumiert, verliert schrittweise seine geistige Leistungsfähigkeit. 

Der bekannte Psychiater und Neurowissenschaftler Manfred Spitzer kritisiert in seinen Büchern den übermäßigen Konsum digitaler Medien. Spitzer weist darauf hin, dass dies für Kinder und Jugendliche, deren Gehirn erst in Entwicklung ist, problematische Auswirkungen haben kann. 

Wie mehrere Effekte zusammenwirken

Stell Dir vor, mehrere Musikerinnen und Musiker treffen sich und veranstalten gemeinsam ein Konzert. Übertragen auf unser Gehirn entsteht anstelle von Musik ein Zusammenspiel mehrerer psychologischer Effekte, die zumeist unbewusst ablaufen:

  • Auffällige Reize ziehen unsere Aufmerksamkeit an.
  • Wiederholte Kontakte erzeugen Vertrautheit.
  • Nichthandeln wirkt weniger bedeutsam als aktives Tun.
  • Kurzfristige Belohnungen durch „Brain Candy“ wirken attraktiver als langfristige Veränderungen.

Wenn alle diese Effekte zusammenwirken, ist es nicht verwunderlich, dass wir uns müde und ausgelaugt fühlen und uns die Kraft zur Verwirklichung unserer guten Vorsätze fehlt.

Eine andere Perspektive auf Veränderung

Wenn wir verstehen möchten, warum bestimmte Muster in unserem Leben immer wieder auftauchen, hilft es, diese Prozesse bewusst zu beobachten. Dabei kann Schreiben eine überraschend wirkungsvolle Rolle spielen.

Durch schriftliche Reflexion werden Gedanken, Bewertungen und innere Dialoge sichtbar. Was vorher nur im Hintergrund unseres Denkens stattgefunden hat, steht plötzlich schwarz auf weiß vor uns.

Auf diese Weise erkennen wir leichter, welche Denkgewohnheiten, Wiederholungen oder blinden Flecken unser Verhalten beeinflussen.

Einladung zur gemeinsamen Reflexion

Wer sich für solche Zusammenhänge interessiert, findet auf meinem YouTube-Kanal zahlreiche Videos zu typischen Denkfehlern und ihren Auswirkungen im Alltag.

Auch auf diesem Blog und im Schreibgeflüster-Podcast geht es regelmäßig um Selbstbeobachtung und Reflexion durch Schreiben.

Für Menschen, die diesen Prozess gemeinsam und in einem klaren Rahmen vertiefen möchten, gibt es außerdem den Reflexionsclub. Dort nehmen wir uns bewusst Zeit, um Gedanken zu ordnen, Muster zu erkennen und neue Perspektiven zu entwickeln.

1.3.26

Wie Schreibvermeidung entstehen kann

Häufig höre ich von Erwachsenen: „Ich kann nicht schreiben, weil ich in der Schule auch schlecht in Deutsch war.“ Dieser Satz kann das Leben vieler Menschen nachhaltig beeinflussen. Dies betrifft nicht nur die Einschätzung der eigenen Kenntnisse in Rechtschreibung, Grammatik oder Stil, sondern hat vor allem mit negativen Erfahrungen und Erinnerungen zu tun, die mit dem Schreiben verbunden sind. Wie es dazu kommen kann, schauen wir uns im heutigen Blogbeitrag an.

Schreiben als Fehlerquelle 


In der Schule ist Schreiben über viele Jahre hinweg Pflicht. Texte werden von Lehrkräften gelesen, korrigiert, benotet und mit anderen verglichen. Dies ist Teil des Schulsystems in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Gleichzeitig wissen wir aus der Forschung, dass die Bewertung von Aufsätzen nie gänzlich objektiv ist. Verschiedene Personen können denselben Text unterschiedlich benoten. Hier habe ich Dir einen aktuellen Beitrag von 2024 verlinkt, der sich mit den Einflussfaktoren auf die Diagnosekompetenz (angehender) Lehrkräfte befasst.

Kinder können im Gegensatz zu uns Erwachsenen noch kaum zwischen Kritik an ihrer Person und Feedback zu ihren Aktivitäten unterscheiden. Dadurch entsteht unter Umständen ein verzerrtes Bild zur Bewertung ihrer schulischen Bemühungen. Viele Kinder beziehen negative Rückmeldungen auf ihre Person. Unser Gehirn ist keine neutrale Maschine und gewichtet Informationen nicht gleich.

Die Macht der Kritik 


Aus der Psychologie wissen wir, dass negative Rückmeldungen um ein Vielfaches stärker wirken als positive. Den sogenannten Negativitätseffekt habe ich bereits in einem meiner YouTube-Videos vorgestellt. Er sorgt dafür, dass uns eine einzelne kritische Bemerkung emotional stärker trifft als mehrere lobende Sätze.

Wenn ein Kind hört: „Inhaltlich gut, aber da sind wieder viele Fehler“, prägt sich hauptsächlich der zweite Teil ein. Wiederholt sich das mehrfach, kann beim Kind die Erwartung entstehen, dass mit Schreiben automatisch Fehlerhaftigkeit verbunden ist.

Wie Erwartungen die Wahrnehmung steuern


Hinzu kommt ein weiterer Mechanismus, den wir auch als Bestätigungsfehler oder Confirmation-Bias kennen, den ich ebenfalls bereits in einem YouTube-Video vorgestellt habe: Wir neigen dazu, das zu sehen, was wir erwarten. Wenn ein Kind einmal als „schwach im Schreiben“ gilt, werden zukünftige Fehler schneller bemerkt als gelungene Gedanken. Verbesserungen wirken wie Ausnahmen, nicht wie Entwicklung.

Auch das Kind selbst übernimmt diese Erwartung. Aus „Ich habe Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung“ wird schleichend „Ich kann das nicht.“ Erkennst Du den Unterschied? 

Wenn Kritik zur Identitätsfrage wird


Besonders belastend wird es, wenn Rückmeldungen nicht nur eine Aufgabe betreffen, sondern die Person. Sätze wie „Du bist unkonzentriert“ oder „Du kannst das einfach nicht“ greifen das Selbstbild des Kindes an. 

Derartige Zuschreibungen sind nicht förderlich, sondern bewirken genau das Gegenteil. Wenn mir solche Geschichten erzählt werden, frage ich mich immer, welche schulischen Erfahrungen jene Eltern oder Lehrkräfte gemacht haben, die Kindern so etwas sagen. Es wirkt auf mich, als hätten diese Erwachsenen ihre eigenen Kindheitserlebnisse verdrängt oder vergessen.

Denn alle Kinder sind dazu verpflichtet, Teil eines Schulsystems zu sein, in dem sie regelmäßig schreiben müssen. Ihre Texte sind öffentlich, vergleichbar und mit Noten verbunden. In dieser Phase entstehen häufig die ersten Vorstellungen der eigenen Schreibfähigkeit, und diese Bilder können erstaunlich langlebig sein.

Schreibvermeidung als Schutz


Wenn Schreiben immer wieder mit Anspannung und Kritik verknüpft wird, entsteht durch diese wiederholte Erfahrung Vermeidung. Das ist kein Zeichen von Faulheit, sondern ein verständlicher Schutzmechanismus. Wer etwas als unangenehm erlebt, meidet es.

In der Psychologie spricht man hier vom Effekt des bloßen Kontakts oder Mere-Exposure-Effect, den ich ebenfalls bereits in einem YouTube-Video vorgestellt habe. Wiederholte Erfahrungen prägen unsere emotionale Haltung zu einer Tätigkeit. Wird Schreiben immer wieder mit Kritik verbunden, entsteht Aversion. 

Dabei kann eine Negativspirale entstehen. Wer nicht schreibt, übt nicht und wer nicht übt, fühlt sich noch unsicherer. Die ursprüngliche Zuschreibung scheint sich zu bestätigen.

Tipps für Eltern und Lehrkräfte


Im Rahmen des 9. LRS-Kongresses gibt es zahlreiche Informationen und Tipps für Erwachsene, wie sie Kinder beim Lernen und bei der Entwicklung ihrer Schreibkompetenzen unterstützen können. 
Die Veranstalterin, Sabine Omarow, war bereits im Schreibgeflüster-Podcast zum Thema „Rechtschreibung lernen“ zu Gast. 

Beim LRS-Kongress spreche auch ich in einem Interview darüber, warum Schreiben keine Tätigkeit, sondern ein Lebensstil ist und warum es sinnvoll ist, Rechtschreibung und Ausdruck voneinander zu unterscheiden.

Schreiben neu erleben


Wenn Schreiben frei fließen darf, weil es nicht bewertet, sondern als persönliche Praxis genutzt wird, kann endlich eine neue Erfahrung entstehen, weil es das, was in uns vorgeht, Schwarz auf Weiß zu Papier bringt. Das handschriftliche Schreiben unterstützt uns dabei, unsere Gedanken zu ordnen, unsere Gefühle besser zu verstehen und unsere Erlebnisse zu reflektieren. 

Sowohl für Kinder als auch für Erwachsene ist Selbstreflexion durch Schreiben ein Abenteuer zur Entdeckung dessen, was sie innerlich bewegt: weg von alten Zuschreibungen hin zur leichtfüßigen Begegnung mit uns und unseren Eindrücken. Wird Schreiben als freier, selbstbestimmter Prozess erlebt, kann sich die negative emotionale Kopplung verändern. Durch bewusste Wiederholung lässt sich der Mere-Exposure-Effect bzw. Effekt des bloßen Kontakts zu unseren Gunsten nutzen.

Vielleicht ist es an der Zeit, den alten Satz „Ich kann nicht schreiben“ zu hinterfragen und eine neue Richtung einzuschlagen. Im Reflexionsclub gibt es Raum für Dich und Deine Gedanken, ganz ohne Rechtschreibung, Grammatik oder stilistische Vorgaben.

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