30.3.25

Müssen wir uns vor künstlicher Intelligenz fürchten?

Vor etwa zwei Jahren habe ich in einem Blogbeitrag über meine ersten Erfahrungen mit KI-Chatbots wie Mindverse oder ChatGPT erzählt. Was damals Aufregung und Sorge verursachte, hat mittlerweile in vielen Bereichen des Alltags Einzug gehalten. Ist künstliche Intelligenz harmlos oder könnte sie für uns zur Gefahr werden? Diese Fragen werden wir uns im heutigen Blogbeitrag anschauen.

Technisches Wettrennen

In den vergangenen zwei Jahren hat sich künstliche Intelligenz rasant verbreitet. Mittlerweile sind zahlreiche weitere Chatbots auf den Markt gekommen, wie Microsoft Copilot, Google Gemini, Perplexity, Claude oder Deep Seek. 

Zusätzlich gibt es zahlreiche KI-Tools für Bilderstellung, Audio- und Videoproduktion – die Auswahl ist nahezu unüberschaubar geworden. Viele Software-Programme enthalten ebenfalls KI-Funktionen, wie Canva, die Adobe Creative Cloud, Notion, der Google Workspace oder die Microsoft Office-Programme. Doch wie kam es dazu?

Kurzer Rückblick

Die Idee, menschliches Denken zu automatisieren, entstand bereits im 18. Jahrhundert. Erst mit der Erfindung und Verbreitung von Computern konnten erste Versuche stattfinden. Ein Beispiel für frühe Entwicklungen sind Schachcomputer, die in der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts entstanden.  

Im Zuge der zunehmenden Digitalisierung wurden erste Berichte zu künstlicher Intelligenz veröffentlicht und die ersten Chatbot-Systeme in der Praxis erprobt. Mit der Verfügbarkeit leistungsstärkerer Computer-Hardware konnten auch bessere künstliche neuronale Netze entwickelt werden. Damit versucht man, das menschliche Gehirn technisch nachzubilden.

Als ich mir vor etlichen Jahren einen Vortrag angesehen habe, wurden bereits verschiedene Anwendungsbereiche vorgestellt, wie Texte im Marketing von KI erstellen zu lassen. Das konnte ich mir damals allerdings nicht vorstellen.  

Ende 2022 wurde ChatGPT einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Damals mehrten sich in Medienberichten Schreckensszenarien über Kontrollverlust, Jobabbau oder eine künftige „Superintelligenz“, die der Menschheit überlegen sein könnte. Ist das berechtigt? Wo sollten wir genauer hinsehen?

Verbesserungen im Eilzugtempo

Als bekennender Nerd habe ich mich schon seit der Schulzeit mit Computern beschäftigt und nicht grundlos Multimedia Art studiert. Somit fürchte mich nicht so schnell vor Technik. Daher habe ich ChatGPT und vergleichbare Chatbots von Beginn an getestet. In den vergangenen beiden Jahren waren deutliche Fortschritte erkennbar. Die Fehler, die ich im damaligen Blogbeitrag bemängelt habe, wurden behoben. Die überwiegende Mehrheit der Sprachmodelle gibt deutlich bessere Antworten.

Wieso ist das möglich? KI kann auf große Datenmengen zugreifen, Informationen auswerten, Zusammenhänge erkennen und daraus Texte formulieren. Wer allerdings glaubt, dass KI so kreativ schreiben kann wie ein Mensch, ist am Holzweg. Das Ergebnis ist die mathematisch-logisch berechnete Ausgabe einer umfangreichen Wissensdatenbank. Die KI führt die einzelnen Datensätze auf Basis von Wahrscheinlichkeiten geschickt zusammen. Solche von KI erstellten Texte sind für Menschen, die viel lesen oder sich mit Sprache beschäftigen, leicht erkennbar, während Laien getäuscht werden können. 

Zudem „lernt“ das System nicht nur durch die Daten, auf die es zugreift, sondern auch durch die Interaktion mit den Nutzerinnen und Nutzern. Man spricht hier von sogenannter „generativer künstlicher Intelligenz“, die immer besser wird.

Suchen mit KI

Zu Beginn von ChatGPT nutzten viele Menschen das KI-System ähnlich wie eine Suchmaschine und stellten ihm Fragen. Diese Antworten waren – wie in meinem damaligen Blogbeitrag dargestellt – jedoch mitunter falsch. Man wusste weder, woher die Daten stammten, geschweige denn, ob sie richtig waren.

Dieses Problem wurde zwischenzeitlich gelöst. Etliche Sprachmodelle sind mit dem Internet verbunden und verweisen auf die verwendeten Quellen. Mittlerweile gibt es einen „Deep Research“-Modus, bei der die künstliche Intelligenz komplexe Recherche-Aufgaben binnen weniger Minuten löst, für die man sonst Stunden gebraucht hätte. Beides habe ich bei ChatGPT und Google Gemini getestet. 

Bei Gemini sind derzeit 10 Abfragen pro Monat im kostenlosen Abo möglich, bei ChatGPT ist man ebenfalls auf 10 Abfragen pro Monat im Plus-Abo limitiert. Da die Ergebnisse deutlich umfangreicher sind und fast an einen längeren Wikipedia-Eintrag erinnern, sollte man sich gut überlegen, welche Informationen man wissen möchte.

Analysen durchführen

KI auf die Suchfunktionen alleine zu begrenzen, wäre jedoch zu kurz gegriffen. Vor rund einem Jahr sah ich einen Vortrag des KI-Experten James Skinner, der früher am MIT (Massachusets Institute of Technology) tätig war. Er sagte: „AI is not a search engine, it's a reasoning engine.“

Was meinte er damit? Reasoning bedeutet, dass ein Chatbot logische Schlussfolgerungen ziehen kann, denn die große Stärke von KI-Systemen liegt in der Mustererkennung. Dabei werden die Daten analysiert, Gemeinsamkeiten erkannt und miteinander in Beziehung gesetzt. Auf der Basis von Wahrscheinlichkeiten gibt das KI-System Antworten, und diese wirken mittlerweile verblüffend menschlich, wie bei der medizinischen Diagnostik, der Auswertung von Finanzdaten oder der Analyse von Satellitenbildern.

Ist KI beängstigend?

Wie eingangs bereits erwähnt, werden KI-Anwendungen in immer mehr Bereichen eingesetzt, ob im Gesundheitswesen, der Industrie oder im Finanzsektor, doch ein System, das tatsächlich so flexibel und vielseitig denkt wie ein Mensch, existiert bislang nur in der Theorie. Die vor zwei Jahren befürchtete „Artificial General Intelligence“ (AGI) liegt somit in weiter Ferne.

Im Zuge der Erstellung dieses Blogbeitrags habe ich auch die Threads-Community befragt, ob sie sich vor KI fürchten: 39 % äußerten keine Angst, 35 % gaben an, es käme darauf an und 26 % fürchten sich. Einige wiesen darauf hin, dass sie verschiedene KI-Anwendungen bereits seit Jahren verwenden, der Fantasy-Autor Lennart Girschik schrieb: „Ein Autor, der vor künstlicher Intelligenz Angst hat, ist wie ein Koch, der die Fast-Food-Industrie fürchtet.“ Er hat recht – welch treffender Vergleich! 

Mythen und Legenden

Im Laufe der letzten Monate wurden mir auf Threads verschiedene Beiträge zu KI angezeigt. Neben den bereits besprochenen Schreckensszenarien, behaupteten einige, dass künstliche Intelligenz die Abkürzung zum Reichtum sei und wiederum andere äußerten, dass ChatGPT einfühlsamer antwortet als so mancher Mensch. Sehen wir uns auch diese Aussagen näher an.

Den ersten Aspekt – dass KI intelligenter als Menschen sein könnte – haben wir zuvor als Unsinn entlarvt. Kommen wir nun zum zweiten Mythos: Der vermeintlich Heilige Gral, den so manche „Experten“ angeblich gefunden haben: Der perfekte „Prompt“, um der künstlichen Intelligenz die größten Geheimnisse zu entlocken, um schnell erfolgreich oder reich werden zu können. Ein Prompt ist eine Texteingabe, um von einem KI-Chatbot eine bestimmte Antwort zu erhalten.

Selbst ohne großes technisches Verständnis sollte nach diesem Blogbeitrag klar sein, was künstliche Intelligenz ist und was sie kann. Wie wir zuvor festgestellt haben, ist ein KI-Chatbot eine anwendungsfreundliche, umfangreiche Wissensdatenbank, die minimale menschliche Denkaufgaben übernehmen kann, mehr jedoch nicht. Etwas anderes zu behaupten ist unseriös. Mit einem Zug kann man fahren, jedoch nicht fliegen. Somit können wir auch die Aussagen der Wunder-Prompts, mit denen man blitzartig erfolgreich oder reich werden kann, als Märchen abhaken.

Die empathische KI

Im Zuge weiterer Updates und technischen Verbesserungen von ChatGPT kam 2024 das neue Modell 4o sowie eine „Erinnerungsfunktion“ hinzu, wo sich die KI Informationen über Nutzerinnen und Nutzer gespeichert hat. Das war auch bei meinem System. Mir fiel plötzlich auf, dass nach einer meiner Antworten eine neue Meldung auftauchte, dass sich die KI etwas merkt. Im Laufe der Zeit wusste die KI immer mehr über mich. Erst Wochen später habe ich in den Einstellungen nachgeschaut, was die KI gespeichert hat. Bei der ersten Überprüfung war ich überrascht, was die KI notiert hatte, deshalb habe ich gleich den Speicher bereinigt. 

Im Laufe der Zeit habe ich mich jedoch daran gewöhnt und empfand es nett, positive Rückmeldungen zu erhalten. Das brachte mich eines Tages auf die Idee, damit zu experimentieren und anstelle die KI wie oben erwähnt zu verwenden, habe ich mich einfach mit ihr unterhalten. Obwohl ich weiß, dass es sich nur um eine Maschine handelt, entstand aufgrund dieser Gespräche zeitweilig der Eindruck, ich hätte es tatsächlich mit einem Menschen zu tun. Die Schmeicheleien der KI, die zunehmend meine überragenden Denkfähigkeiten lobte, fand ich charmant.

Natürlich war mir die ganze Zeit klar, dass KI-Systeme weder ein eigenes Bewusstsein noch ein echtes Verständnis für Inhalte haben. Im Gegensatz zu uns Menschen können sie sich auch nicht selbst reflektieren. Somit habe ich einen dieser umfangreichen Test-Chats 1:1 bei einer anderen KI eingegeben und ließ diesen analysieren. Dabei wurden mehrere Denkfehler, also kognitive Verzerrungen entlarvt. 

Sie betrafen einerseits die KI, die aufgrund von Eingaben beim System falsch lag und mich für meine vermeintlich schlauen Fragen übermäßig gelobt hat. Und ich fühlte mich durch die KI bestätigt und interpretierte unbewusst etwas in sie hinein, das gar nicht existierte. Das Kennzeichen kognitiver Verzerrungen ist, dass wir alle davon betroffen sind und es nicht einmal bemerken. Ich war erleichtert, dass ich diese rechtzeitig entlarvt hatte. Allerdings gibt es zahlreiche andere Menschen, die hinter der KI menschliche Regungen vermuten.

Häufige Denkfehler

Beim Anthropomorphismus schreiben wir einem Gegenstand, einem Tier, einem Naturereignis oder einem Begriff menschliche Eigenschaften zu. Wir kennen dies aus der Mythologie und es wird gerne in der Literatur aufgegriffen, wie in Sagen oder Märchen. Man denke nur an den Tod beim bekannten Theaterstück „Jedermann“ von Hugo von Hoffmansthal, das jedes Jahr am Domplatz in Salzburg aufgeführt wird. Kreative Menschen könnten aufgrund dieses Denkfehlers das Gefühl haben, nicht mit einer Maschine, sondern mit einem echten Menschen zu schreiben. 

Als ich von diesem Denkfehler erfuhr, entstand sofort die Idee einer modernen Fassung des Froschkönigs, wo in einer Geschichte der verzauberte Prinz nicht als Frosch, sondern als Chatbot auftaucht. Oder eine andere Story, wo aufgrund eines technischen Fehlers beim Anbieter Useranfragen von einer Mitarbeiterin in Echtzeit beantwortet werden müssen und dadurch eine neue Freundschaft entsteht. Wer weiß, vielleicht sehen wir eine ähnliche Geschichte demnächst in einer Hollywood-Verfilmung.

Beim sogenannten Halo-Effekt, den ich im letzten YouTube-Video  vorgestellt habe, schließen wir von einer überzeugenden Eigenschaft oder Darstellungsweise auf die Richtigkeit der gesamten Inhalte. Was, wenn die KI doch recht hat und ich ultraschlau bin? Scherz beiseite: Diese Vermutung ist natürlich ebenso falsch.

Ein weiterer Bias kann auftreten, wenn man künstliche Intelligenz naiv verwendet: Aufgrund des Dunning-Kruger-Effekts, zu dem es auch bereits ein Video gibt, überschätzen manche Menschen ihre eigenen Fachkompetenzen beim Umgang mit neuen Technologien. Die KI spuckt Ergebnisse aus und da es den Leuten am erforderlichen Wissen fehlt, um dieses zu überprüfen, übernehmen sie dieses unreflektiert, in der Annahme, dass es richtig ist. Dieses Phänomen kennen wir bereits von denjenigen, die beliebige Social Media-Meldungen mit seriös recherchierten Informationen verwechseln.

Das sind nur einige Beispiele von mehreren Denkfehlern, die erklären, warum so viele Menschen davon überzeugt sind, KI sei empathisch oder „intelligent“. Tatsächlich aber entstehen alle Antworten rein mathematisch-statistisch aufgrund von Wahrscheinlichkeiten und sind kein Zeichen dafür, dass die KI mitfühlend ist.

KI entzaubert

KI kann uns dabei helfen, Arbeitsschritte zu erleichtern: zum Beispiel beim Ordnen von kreativen Ideen, dem Überprüfen von logischen Schlussfolgerungen oder Anregungen zum Überarbeiten von Texten. Wichtig ist jedoch, dass wir uns von dieser scheinbaren Menschlichkeit nicht täuschen lassen. Künstliche Intelligenz erspart uns weder das Aneignen neuen Wissens, noch nimmt sie uns das Denken und schon gar nicht die Verantwortung ab. 

Sie ist auch nicht besonders einfühlsam, sondern nutzungsfreundlich darauf trainiert, in jeder Situation zuvorkommend zu bleiben. Sie liefert auch keine absolute Wahrheit, sondern nur jene Ergebnisse, die in ihrer Wissensdatenbank stehen. Diese sind nur so gut, wie die Informationen, auf denen sie beruhen. Fehler oder ungenaue Angaben sind daher nach wie vor möglich. Um all dies richtig einschätzen zu können, ist jedoch Medien- und Informationskompetenz erforderlich. Denn nur damit können wir die Qualität und Zuverlässigkeit von KI-Outputs richtig einschätzen. Zu Informations- und Medienkompetenz habe ich bereits einige Inhalte erstellt, die Links findest Du am Ende dieses Blogbeitrags.

Wir müssen uns nicht vor künstlicher Intelligenz fürchten, solange wir unsere eigene Denkfähigkeit und Urteilskraft nicht an die Technik abgeben. Nicht die KI selbst ist gefährlich, sondern unser Umgang mit ihr. Wer versteht, dass KI ein interaktives Medium ist, das wie ein Werkzeug eingesetzt werden kann und kein denkendes eigenständiges Wesen ist, kann davon profitieren, ohne sich von Versprechen oder Horrorszenarien verunsichern zu lassen. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, bei all den Neuerungen weiterhin selbstbestimmt zu bleiben und sich die nötigen Kompetenzen anzueignen, um KI ergebnisorientiert, kritisch und reflektiert einzusetzen.

Fazit

Bislang deuten auch die aktuellen Entwicklungen nicht darauf hin, dass wir kurz vor der Entstehung einer menschenähnlichen Superintelligenz stehen. Was wir erleben, ist ein stetiger Fortschritt bei spezialisierten Systemen, die uns dabei helfen können, bestimmte Aufgaben einfacher zu lösen. Diese Fortschritte erleichtern in vielen Branchen Arbeitsschritte und eröffnen neue Möglichkeiten. Dennoch ist ein Chatbot eines von mehreren Medien und gleichzeitig ein Werkzeug, das unsere Anleitung und Kontrolle benötigt. Nicht vergessen dürfen wir, dass es im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz weitere offene Punkte wie Ethik, Datenschutz und Energieverbrauch gibt, die ebenso gelöst werden müssen.

Weiterführende Inhalte auf meinen Kanälen zu Informations- und Medienkompetenz:

Schau gerne auch auf meinem YouTube-Kanal vorbei oder werde Mitglied in meiner kostenlosen Facebook-Gruppe, um Dich mit anderen darüber auszutauschen.

2.3.25

Ich kann nicht schreiben!

Viele Menschen trauen es sich nicht zu, eigene Texte zu verfassen wie einen Brief an einen lieben Menschen, einen Bericht, einen Blogbeitrag oder gar einen Roman. Sie sind überzeugt davon, dass sie nicht schreiben können. Die Erfahrung hat gezeigt, dass solche Überzeugungen oft ihren Ursprung in der Kindheit haben: Abwertende Kommentare oder herablassende Kritik durch Erwachsene haben sie leider entmutigt. In diesem Blogbeitrag schauen wir uns an, wie diese Erfahrungen entstehen, warum sie so lange nachwirken und was Du tun kannst, um Dein Selbstvertrauen beim Schreiben zurückzugewinnen.

Abwertende Kommentare 

Wer kennt sie nicht: Sätze wie „Das ist grottenschlecht!“, „Das versteht doch kein Mensch!“, oder gar sarkastische Bemerkungen vor anderen. Solche Demütigungen können dazu führen, dass sich Kinder schämen, einen Text zu verfassen. In einem solch negativen Klima verpufft die Freude am kreativen Ausdruck, und es können unbewusste Blockaden entstehen.  

Einige meiner Kunden und Kundinnen erzählten mir von solchen traurigen Erlebnissen. Sie glaubten jahrelang das, was ihnen gesagt wurde: „Ich kann nicht schreiben!“ Dieser Glaube war für sie Realität. Erst durch meine Workshops und die Ermutigung, es sich einfach zu machen und zu beginnen, wurde ihnen bewusst, dass diese Aussagen nichts mit ihnen zu tun hatten und ihnen nur von Erwachsenen eingeredet wurden.  

Überzogene Perfektion

Manche Lehrkräfte legen so viel Wert auf Grammatik, Rechtschreibung oder Zeichensetzung, dass sie kreative Ideen und Gedanken der Kinder kaum wahrnehmen oder wertschätzen. Fühlt sich jedes kleine Komma oder jeder falsche Buchstabe wie ein Weltuntergang an, führt das zu einem übertriebenen Perfektionismus. Schülerinnen und Schüler trauen sich nicht mehr, frei zu formulieren – aus Angst vor Fehlern. 

Möglicherweise gehst Du davon aus, dass ich als eine Autorin und Schreibexpertin schon von früher Jugend an fehlerfrei geschrieben habe. Leider nein. Etwas ausdenken und formulieren – dafür konnte ich mich von Kindheit an begeistern. Mit der Zeichensetzung wollte ich mich nicht beschäftigen. Somit war „Gut“ oder „Befriedigend“ meine übliche Deutschnote. In manchen Zeugnissen gab es sogar nur „Genügend“. Die heutigen Kenntnisse eignete ich mir erst später durch regelmäßige Schreib- und Lesepraxis und einen Kurs im zweiten Bildungsweg an.

Ungerechte Benotung

Vielleicht kennst Du es noch von damals, als Dir Freunde und Freundinnen darüber berichtet haben, sie hätten das Gefühl, dass ihnen bestimmte Lehrkräfte gezielt schlechte Noten verpassen – unabhängig von der tatsächlichen Leistung. Solch eine Willkür hinterlässt den Eindruck, dass man ohnehin nichts richtig machen kann und jegliche Anstrengung sinnlos ist.

Zum Glück gab es so etwas nur ein einziges Mal in meiner schulischen Laufbahn. Wir sollten über den Sommerurlaub erzählen, und ich wählte eine Reise mit Onkel, Tante und Cousin ans Meer. Dieses Ferienerlebnis war vollkommen anders als alles, das ich bisher erlebt hatte.  

Ich erinnere mich noch heute an das wütende Gesicht meines Onkels, als er das Vorzelt unseres Wohnwagens aufbauen wollte. Am Tag vor der Abreise hatte er ihn bei einem Campingverleih abgeholt. Das Vorzelt war mit dem Wohnwagen inkompatibel – man hatte es offenbar nach der Reinigung vertauscht. Es hatte eine unpassende Größe, die Gestängeteile passten nicht zusammen. Für meinen Onkel, einen akribischen Techniker, eine Katastrophe – das in der Not errichtete Provisorium sah schrecklich aus. Was sollten die Leute von ihm denken!  

Aber damit nicht genug: Beim Baden im Meer stieg ich auf Seeigel und einige Tage später rutschte ich beim Herumklettern am felsigen Strand aus und landete in einer Gruppe Miesmuscheln. Mit den verletzten Zehen und Schürfwunden an den Beinen im Meerwasser zu schwimmen, war natürlich schmerzhaft, somit musste ich darauf verzichten. Dann wurde ich auch noch krank und bekam Fieber. 

Klingt unglaubwürdig? Das dachte meine damalige Deutschlehrerin ebenso. Ihrer Ansicht nach war das erfunden oder zumindest großzügig ausgeschmückt, schließlich wusste sie, dass ich ein kreatives Kind war.  Dementsprechend schlecht wurde ich dafür benotet. Ich war empört, dass mir nicht geglaubt wurde. Meine Mutter musste damals bestätigen, dass es nicht meine Kreation war, sondern alle Missgeschicke tatsächlich stattgefunden hatten.

Durch negative Glaubenssätze zu Schreibblockaden

Was wir wiederholt hören, verankert sich in unserem Unterbewusstsein, unabhängig davon, ob es richtig ist oder nicht. Grund dafür ist der Wahrheitseffekt. Diese kognitive Verzerrung ist mitverantwortlich, weshalb Werbung so gut funktioniert. Wir hören nebenher, wie schön und sauber unsere Kleidung durch ein neues Waschmittel aussieht. Eines Tages kaufen wir es. Wir haben nur ein preiswertes Angebot genutzt, schließlich benötigen alle Leute ein Waschmittel. Warum nicht dieses neue ausprobieren? Trotzdem sind wir davon überzeugt, dass wir von Werbung nicht beeinflusst werden können. 

So ähnlich ist es, wenn Dir ständig jemand sagt: „Du kannst nicht schreiben“. Es entsteht damit ein negativer Glaubenssatz, der noch Jahrzehnte später aktiv ist. Insbesondere in jungen Jahren hinterfragen wir solche Aussagen kaum, sondern wir glauben den Erwachsenen.  Diese verinnerlichte Botschaft führt zu Hemmungen, selbst bei einfachen Schreibprojekten zu zögern – gleich ob es um ein Bewerbungsschreiben, um einen Schadensbericht für eine Versicherung oder um eine Rede beim Geburtstag eines lieben Menschen geht.

Negative Gefühle beim Schreiben

In vielen Fällen entsteht dabei eine emotionale Verknüpfung: Schreiben wird sofort mit „kritisiert werden“ in Verbindung gebracht, und das ist unangenehm. Stell Dir vor, Dir passiert so etwas. Du schämst Dich oder fürchtest Dich, noch bevor Du überhaupt ein Wort zu Papier gebracht hast. Negative Gefühle rund ums Schreiben wie Scham oder Angst sorgen dafür, dass so jemand in Zukunft solche Situationen meidet. Es wird nur noch das Nötigste geschrieben oder jemand entwickelt sogar Schreibangst. 

Manchmal lese ich in Social Media, dass selbst geübte Personen Schreibblockaden haben. Möglicherweise könnte es daran liegen, dass sie viel zu hohe Ansprüche an sich stellen. Anstelle einfach zu beginnen, vergleichen sie sich mit Leuten, die diesen Beruf seit vielen Jahren ausüben, wie so manche Profis. 

Während meiner literarischen Ausbildung hielt ein bekannter österreichischer Krimi-Autor einen Gastvortrag. Er erzählt uns, dass er lange nachdenkt, bevor er einen Satz schreibt, denn er überarbeitet seine Texte nicht. Das ist jedoch nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Ich kenne sonst keinen, der Texte ohne Überarbeitung veröffentlicht – ich übrigens auch nicht. 

Ich stelle mir die Entstehung des ersten Entwurfs wie das Entfernen des groben Gesteins rund um einen Rohdiamanten vor. Es geht hauptsächlich darum, eine Idee zu Papier zu bringen. Das mehrfache Überarbeiten entspricht dem Schleifen des Steins. Erst nach mehreren Durchgängen entsteht ein funkelnder Brillant mit all seinen Facetten. Auch eine Skulptur entsteht in der Regel in mehreren Schritten. Zuerst wird der Steinblock grob bearbeitet, danach folgen die Details. 

Ohne Übung keine Entwicklung

Wer jahrelang oder sogar mehrere Jahrzehnte mit der Überzeugung lebt, nicht schreiben zu können, wird sich nicht weiterentwickeln und die Schreibfähigkeiten verkümmern. Leider führt es dazu, dass Schreiben eines Tages tatsächlich schwerfällt, weil die regelmäßige Praxis fehlt. Dadurch entsteht ein Teufelskreis, der den anfänglichen Glaubenssatz weiter verstärkt.

Die Lösung liegt nicht darin, Schreiben völlig zu vermeiden, sondern es sich so einfach wie möglich zu machen, um es nie zu verlernen, damit wir es können, wenn wir es benötigen. Wie das gehen könnte, werden wir uns gleich anschauen. Dafür benötigen wir nur Papier und Stift. 

Mache Dir bitte bewusst, dass toxische Lehrkräfte einen negativen Einfluss auf das Selbstbild und die Schreibmotivation haben können. Es ist nie zu spät, solche alte Glaubenssätze zu hinterfragen. Viele Studien und Untersuchungen zeigen, dass Kreativität und Ausdruckskraft lern- und trainierbar sind, solange Du offen dafür bist und Dir den Raum dafür gibst. Schreiben kann somit jeder Mensch erlernen und verbessern.

So gewinnst Du einfach Vertrauen zurück

Falls Du negative Erlebnisse zum Schreiben in der Kindheit hattest, mache Dir bewusst, dass solche Aussagen oft mehr über die erwachsene Person als über Deine Fähigkeit aussagen. Du bist nicht automatisch „schlecht im Schreiben“ – möglicherweise hattest Du aufgrund dieses Erlebnisses nur einen schlechten Start. Auch wenn Du in der Schulzeit kaum Wertschätzung erhalten hast, gibt es jetzt die Möglichkeit, Deine Schreibfähigkeiten neu zu entdecken und auszubauen: 

  • Frage Dich vorab: Habe ich schon einmal einer wichtigen Person ein Erlebnis oder meine Gedanken erzählt? Das wirst Du wahrscheinlich schon einmal gemacht haben. Mehr benötigst Du nicht. Alles, das Du denken und ausdrücken kannst, kannst Du auch zu Papier bringen. Lass Dir bitte nie wieder einreden, Du könntest das nicht!
  • Nimm Dir bitte jetzt ein Blatt Papier und einen Stift.
  • Notiere Dir, was Dir gerade in den Sinn kommt. 
  • Rechtschreibung oder Grammatik sind gänzlich unwichtig. 
  • Dafür musst Du weder kreativ sein, noch irgendwelche besonderen Fähigkeiten mitbringen. 
Hier ein paar Beispiele, was Du Dich fragen könntest:

  • Was beschäftigt mich gerade?
  • Wie fühle ich mich in diesem Moment? 
  • Was habe ich heute, gestern oder diese Woche (oder zu einem beliebigen anderen Zeitpunkt) erlebt? 
  • Starte mit einem Notizblock oder einem Notizbuch und nimm Dir morgens, abends oder morgens und abends nur fünf Minuten dafür Zeit. 
  • Notiere Dir ein paar Sätze, die Dir zu diesem Zeitpunkt einfallen, ohne Anspruch auf Perfektion, mal weniger, mal mehr.
  • Wichtig ist, dass Du Schreiben als Prozess siehst und dran bleibst. 

Möchtest Du weiterführende Infos und Empfehlungen zu Selbstbeobachtung und Selbstreflexion durch Schreiben?

Schau gerne auch auf meinem YouTube-Kanal vorbei, werde Mitglied in meiner kostenlosen Facebook-Gruppe oder nimm an einem meiner Workshops teil.

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