18.1.26

Übersehene Hürden des Neuanfangs

Rund um den Jahreswechsel nehmen sich standardmäßig viele Menschen vor, etwas in ihrem Leben zu verändern. Die neuen Veränderungen in den Alltag zu integrieren ist gar nicht so einfach, weil am Weg dorthin einige Hürden lauern.

Auf YouTube stellte ich bereits den Unterlassungseffekt (Omission Bias) vor. Das ist ein Denkfehler, bei dem Nichthandeln weniger bedeutsam erscheint als aktives Tun. Was wir nicht aktiv umsetzen, fühlt sich nicht wie eine Entscheidung an, obwohl es ebenfalls eine ist.  Diese kognitive Verzerrung macht unser Gehirn beim Denken automatisch. Sie trägt wesentlich dazu bei, dass wir neue Vorhaben gar nicht erst in Angriff nehmen. Alles, das sich nicht wie aktives Tun anfühlt (z. B. Beenden, Aufhören oder Weglassen) wird innerlich geringer bewertet, obwohl es ebenso eine Entscheidung ist.

In diesem Blogbeitrag geht es um eine weitere Hürde, die jedoch entscheidend dazu beiträgt, wieso im Laufe des Jänners viele Menschen ihre Neujahrsvorsätze rasch wieder aufgegeben. Denn kaum jemand denkt beim Festlegen der Ziele fürs neue Jahr darüber nach, was zur Erreichung der neuen Ziele wegfallen soll.

Unsere Aufmerksamkeit richtet sich fast ausschließlich auf das Neue, also auf das, was dazukommen soll. Dass unser Alltag, unsere Zeit und unsere Energie jedoch nicht unbegrenzt sind, blenden wir dabei unbewusst aus.

Wir starten motiviert mit der Umsetzung der neuen Ziele, doch kaum ist der Alltag wieder da, bleiben die neuen Ziele schleichend auf der Strecke. Wir bemerken es zwar, zweifeln an uns und denken, wir sind nicht diszipliniert genug oder müssen uns besser organisieren.  In Wirklichkeit liegt es an einem blinden Fleck, den wir systematisch übersehen haben. Dieser hat nichts mit mangelnder Disziplin oder Organisation zu tun. Sondern wir haben uns nie bewusst vom Alten verabschiedet, das der Umsetzung im Weg steht.

Ein alltägliches Erlebnis

Damit das nicht zu theoretisch bleibt, möchte ich Dir ein praktisches Beispiel bringen. Sobald wir Essen einkaufen, fällt Abfall an. Das können Lebensmittelabfälle oder Verpackungen sein. Für jede Person, die einen Haushalt führt, ist das nichts Ungewöhnliches. Haushaltsmüll entsteht automatisch, ohne dass wir darüber nachdenken müssen. 

Niemand empfindet es als persönliches Versagen, dass beim Zubereiten eines Gemüsegerichts Schalen, Stängel oder Kerne entfernt werden müssen. Auch beim Verkochen des Gemüses aus dem eigenen Garten, bei der Zubereitung eines Fertiggerichts oder selbst in einem Hotel mit Vollpension entsteht in den Zimmern Abfall.

Nun stelle Dir vor, dieser Müll wird nicht entsorgt und bleibt liegen. Woche für Woche wird es immer mehr. Nach einiger Zeit wäre dieser Raum kaum noch benutzbar, weil wir nichts hinausbringen.

Niemand würde in so einer Situation darüber nachdenken, wie man den Unrat sortieren und besser organisieren könnte. Auch die Vorstellung, diesen Abfall hübscher zu gestalten oder dafür zu sorgen, dass dieser angenehmer duftet, wäre vollkommen absurd. Die Lösung ist offensichtlich, denn der Abfall muss rasch weg.

Genau das passiert selten

Interessanterweise denkt über den Alltag kaum jemand so. Wir sammeln ebenfalls Aufgaben, Verpflichtungen, Gewohnheiten, Projekte oder Erwartungen. Schalen und Stängel hatten fürs Gemüse eine bestimmte Funktion und werden vor dem Kochen oder Verspeisen entfernt. Ähnlich ist es mit den alten Aufgaben. Sie waren zu einem bestimmten Zeitpunkt sinnvoll, haben damals einwandfrei funktioniert und sind Teil des Alltags geblieben, ohne später bewusst überprüft zu werden.

Wenn die meisten Menschen etwas Neues beginnen, fügen sie ein neues Projekt, ihr neues Hobby oder ihr neues Ziel hinzu. Selten stellen sie sich die Frage, was dadurch keinen Platz mehr hat oder nicht mehr sinnvoll ist.

Weglassen fühlt sich, ähnlich wie das Nichtstun durch den Unterlassungseffekt, nicht wie eine Handlung an. Es ist nicht sichtbar, nicht messbar, nicht produktiv im klassischen Sinn und deshalb übersehen wir es gerne. Wegstreichen oder Weglassen fühlt sich ähnlich wie beim Omission Bias nicht aktiv an. Unbewusst bewerten wir es als weniger wichtig.  

Streichen ist keine Niederlage

Etwas zu beenden bedeutet nicht, dass es falsch war, sondern dass es nicht mehr passend ist. Niemand macht sich Gedanken über den Nutzen der Müllentsorgung. Sie ist für uns vollkommen normal und sagt nichts über unsere Ordnungsliebe oder Disziplin aus, es sei denn, wir entsorgen ihn nicht.  Genauso sagt das Beenden einer Tätigkeit nichts über Kompetenz oder Durchhaltevermögen aus.

Etliches können wir loslassen, weil es seinen Zweck erfüllt hat. Einiges, weil sich die Rahmenbedingungen verändert haben. Manches, weil es mehr Energie kostet, als es zurückgibt. Ohne diesen Schritt ist oft kein Platz für Neues, weil wir sonst gar keinen Platz, keine Zeit oder keine Energie für unsere neuen Ziele, Projekte oder Gewohnheiten haben. 

Eine andere Perspektive auf Vorsätze

Ähnlich wie zu Jahresbeginn, wenn wir darüber nachdenken, was wir neu beginnen wollen, könnten wir uns Mitte Jänner fragen:

„Was will ich bewusst beenden oder loslassen, damit Platz für das Neue entsteht?“ 

Üblicherweise lässt sich diese Frage nicht wie aus der Pistole geschossen beantworten. Sie erfordert zumindest ein kurzes Innehalten, Selbstbeobachtung im Alltag sowie ehrliche Reflexion ohne Schuldzuweisungen. Genau dafür ist schriftliche Reflexion hilfreich.

Einladung zur gemeinsamen Reflexion

Im Reflexionsclub geht es nicht darum, sich in einem vollen Terminkalender noch zusätzlich etwas aufzubürden, sondern Zeit für sich zu nehmen, hinzuschauen und darüber zu reflektieren, was uns zurzeit bewegt. Wir gewinnen Klarheit und entwickeln neue Strategien, was wir vielleicht in Zukunft bewusst weglassen können.

Wenn Dich diese Perspektive anspricht, findest Du alle Informationen zum Reflexionsclub hier: Reflexionsclub - Claudia Sprinz 

28.12.25

Was wir bei Ende und Anfang gerne übersehen

Ende und Anfang liegen oft näher beieinander, als uns lieb ist. Kaum haben wir etwas abgeschlossen, schauen wir sofort nach vorn: neue Vorhaben, neue Ziele, neue Pläne oder das neue Jahr. Wir fühlen uns gut, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf die Zukunft richten. Wozu sollen wir uns mit der Vergangenheit beschäftigen, wenn wir sie ohnehin nicht ändern können? 

Obwohl diese Schlussfolgerung auf den ersten Blick logisch wirkt, verzichten wir damit auf eine bewusste Bewertung des tatsächlichen Geschehens. Eine solche Analyse könnte uns eine fundierte Grundlage liefern, damit wir frei entscheiden können, ob wir beim nächsten Mal etwas ändern oder ob wir das bestehende Verhalten fortsetzen wollen.

Rückblick als logische Geschichte

Am Ende eines Projekts, eines Lebensabschnitts oder eines Jahres ziehen viele Menschen Bilanz. Sie überlegen, was gut gelaufen ist und was weniger geklappt hat. Was wir dabei leicht unterschätzen, sind die Fähigkeiten unseres Gehirns. Unser Gedächtnis ist kein neutraler Speicher wie die Festplatte eines Computers. Es rekonstruiert Vergangenes mit dem Wissen und den Bewertungen von heute.

Darauf bin ich sowohl in einem YouTube-Video als auch in einer Podcast-Episode eingegangen. Der sogenannte Rückschaufehler (Hindsight Bias) führt dazu, dass wir im Nachhinein glauben, bestimmte Entwicklungen vorhergesehen zu haben. 

Wir erinnern uns nicht mehr genau an unsere damaligen Überlegungen und Entscheidungen und erzählen rückblickend gerne eine plausible Geschichte, die aus heutiger Sicht Sinn ergibt. Die nüchterne Analyse ist dadurch eingeschränkt, weil uns ohne schriftliche Notizen ein zuverlässiger neutraler Bezugspunkt fehlt. 

Erkenntnis kann unangenehm sein

Auch wenn wir unsere damaligen Überlegungen schriftlich vorliegen haben und den Rückblick bewusst und schriftlich machen, ist das mitunter ein unangenehmer Prozess. Genau deshalb wird er häufig hinausgeschoben, verkürzt oder innerlich abgewehrt.

Aus Erfahrung weiß ich, dass uns die Klarheit dieser Erkenntnisse emotional berühren kann. Zu sehen, dass zwischen dem, was wir damals angenommen haben, und der Realität eine Lücke klafft, kann in manchen Fällen erleichternd sein, weil wir endlich die Zusammenhänge verstehen. Es kann aber auch schockierend sein, wenn wir plötzlich unsere eigenen Ausreden durchschauen. 

Im Worst Case könnten sogar Selbstvorwürfe entstehen, wenn wir erkennen, warum wir das ursprüngliche Ziel verfehlt haben. Beides ist möglich, versperrt jedoch den Blick auf den eigentlichen Erkenntnisgewinn durch die gewonnene Klarheit. 

Dabei bleiben wir in ähnlichen Fällen emotional ruhig. Wenn wir zu Hause oder auf einem Schreibtisch aufräumen und sauber machen, erfinden wir auch keine Geschichte vom Geheimangriff der hinterhältigen Staubkörner. Wir ärgern uns auch nicht darüber, dass wir den Staubfall nicht aktiv verhindert haben. Die meisten Menschen freuen sich, dass es nach der Aufräum- und Putzaktion zu Hause oder am Schreibtisch wieder schön und ordentlich ist. 

Ähnlich verhält es sich mit unserem Denken. Wir akzeptieren problemlos, dass Staub entsteht, ohne jemandem die Schuld zu geben. Gleichzeitig tun wir uns schwer damit zu akzeptieren, dass auch unser Gehirn systematischen kognitiven Verzerrungen unterliegt. Der schriftliche Rückblick erfüllt hier eine ähnliche Funktion wie das Putzen: Er sorgt für Ordnung, nicht für Schuldzuweisungen.

Wie wir Staub nicht verhindern können, können wir kognitive Verzerrungen nicht abstellen. Wir können aber verhindern, dass sie unbemerkt unsere Schlussfolgerungen steuern, indem wir schriftlich auswerten, was sich wirklich ereignet hat.

Beim Anfang wird oft zu schnell geplant

Weil der Rückblick aus den genannten Gründen oft als unangenehm erlebt wird und Anfangen psychologisch anziehend wirkt, stürzen wir uns gerne auf einen Neubeginn. Anfangen fühlt sich positiv, produktiv und handlungsorientiert an, darum ist es zu Jahresbeginn beliebt, Ziele zu formulieren, Pläne zu machen oder Vorsätze zu fassen. 

Besonders deutlich zeigt sich dieses Muster beim Thema Ernährung und Bewegung. Rund um Übergänge wie den Jahreswechsel fassen viele Menschen neue Vorsätze: abnehmen, sich mehr bewegen, gesünder leben. Die Planung beginnt meist direkt mit Maßnahmen.

Was dabei oft fehlt, ist die nüchterne Analyse: Warum ist es im vergangenen Abschnitt nicht gelungen? Lag es wirklich an mangelnder Disziplin? Oder lag es eher am Schlafdefizit, Stress, Erschöpfung oder fehlender Regeneration? Ohne diese Klärung wird Verhalten geplant und nicht das System, das dieses Verhalten hervorgebracht hat, hinterfragt. 

Falls Du mich ein wenig kennst, weißt Du vielleicht, dass ich ebenfalls früher dieses Problem hatte. Anstelle ohne Analyse in blinden Aktionismus zu verfallen, habe ich mir die Zeit genommen und durch strikte Selbstbeobachtung und Analyse die Ursache meines Problems herausgefunden. 

Ich saß abends vor dem Fernseher und habe aus Langeweile gegessen. Die bittere und gleichzeitig radikal ehrliche Erkenntnis war, dass mir stunden- und tagelanges Fernsehen und dabei Partypackungen Chips zu futtern, keine Freude bereiteten. 

Daraufhin traf ich die Entscheidung, Gesundheit auf Platz eins meiner Werte zu setzen. Erst danach war ich bereit, meine abendlichen Gewohnheiten zu hinterfragen, zu verändern und Bewegung wieder bewusst in meinen Alltag zu integrieren.

Warum Planung oft scheitert

Neue Ziele scheitern häufig an ungeprüften Annahmen. Meine Erfahrung zeigt, dass es selten an fehlendem Wissen oder an fehlenden Informationen mangelt. Wer ohne Rückblick plant, führt die alten Verhaltensweisen weiter und braucht sich nicht wundern, wenn sie weiterhin die Lösung verhindern. Selbst bekannte Tipps könnten ohne Berücksichtigung der bisherigen eigenen Erkenntnisse ungeeignet sein. 

Wenn ich auf die üblichen Tipps (mehr Bewegung und gesünder essen) gehört hätte, wäre ich nie draufgekommen, dass die Hauptursache beim übermäßigen Snacken aufgrund der Langeweile beim Fernsehen lag. Ich hätte so wie viele andere Menschen wahrscheinlich gedacht, dass ich nicht diszipliniert genug bin. Das ist nur ein Beispiel für eine mögliche Fehlentscheidung, die mit den richtigen Erkenntnissen und bedachter Planung vermieden werden kann.

Der wichtige Zeitfaktor

Zwischen Rückblick und Planung benötigen wir Zeit, damit unser Gehirn die neuen Erkenntnisse, die mitunter disruptiv wirken können, verarbeiten kann, bevor wir tragfähige Entscheidungen treffen können.

Ohne diesen Abstand entstehen Entscheidungen als schnelle Reaktion oder bleiben an der Oberfläche. Die Ursachen schlummern weiterhin im Verborgenen. Man plant zwar etwas Neues, greift dabei aber unbewusst auf dieselben Erklärungen und Muster zurück. Echte Veränderungen bleiben oft aus.

Haben wir etwas Abstand, können wir Entscheidungen treffen, die alte Muster nicht unbewusst fortschreiben, sondern aktiv und bewusst unterbrechen.

Schritt für Schritt

Der Rückblick bringt Klarheit durch Analyse und zeigt, was tatsächlich vorgefallen ist. Die Planung führt zu Entscheidungen und legt fest, was künftig anders laufen soll. Ein oft übersehener Zwischenschritt ist die Integration. Sie entscheidet darüber, ob die Erkenntnisse des Rückblicks folgenlos bleiben oder ob sie sich wirksam entfalten können. 

Wird einer dieser Schritte ausgelassen oder vermischt, entsteht Instabilität, weil der Denkprozess nicht zu Ende geführt wird. Veränderung entsteht nicht durch Ignoranz der Vergangenheit und auch nicht durch schnelle Vorsätze. Dazu sind durchdachte Entscheidungen nötig, für die wir mehr als einen kurzen Moment des Innehaltens benötigen.

Wenn Du diese Schritte gemeinsam mit anderen gehen möchtest, nimm gerne an den beiden Schreibworkshops via Zoom teil, die ich rund um den Jahreswechsel organisiere:

Jahresrückblick am Mo, 29. 12. 2025 von 17:00 Uhr bis 19:00 Uhr

Jahresplanung am So, 04. 01. 2026 von 10:00 Uhr bis 12:00 Uhr 

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